Trophäen haben es so an sich, daß sie heiß begehrtsind. Das gilt für eine sportliche Weltmeisterschaft genauso gut wie für den höchsten internationalen Preis für Verdienste um die Menschheit. Ein ganzes Volk freut sich und ist stolz darauf, wenn ein Landsmann einen hervorragenden Preis erhält. In diesem Jahr freuen sich die Schweden, denn einer der ihren, Professor Hugo Theorell, ist für würdig befunden worden, den Nobelpreis für Medizin und Physiologie zu empfangen. Damit haben die Schweden bei dem seit 1901 verliehenen Preis zum fünfzehntenmal die Ehre, Medaille und Geld im Lande behalten zu können.

Trophäen von hervorragender Bedeutung haben es auch an sich, daß ihre Gewinner bis zuletzt nicht vorauszusagen sind, und daß die Entscheidungen denkbar knapp ausfallen. Der Abstand zum Nächstfolgenden ist wirklich oft nur eine Haaresbreite. Das gibt manchmal böses Blut... bei den Zuschauern. Bei den Agierenden selbst wird die Entscheidung ohne Bitternis angenommen und anerkannt.

So hat auch Theorell, der von amerikanischen und englischen Gelehrten für den Preis vorgeschlagen wurde, sicher nur um Haaresbreite vor dem Amerikaner du Vigneaud, dem Österreich-Kanadier Stile, dem Deutschen Bergmann und vielleicht auch noch manch anderem hervorragendem Wissenschaftler gesiegt. Preise sind dazu da, daß sie möglichst gerecht verteilt werden. Aus diesem Grunde kennt die Nobelstiftung sehr genaue Bestimmungen über die Art der Auswahl der Bewerber. Vorschlagsrecht haben: frühere Nobelpreisträger, Mitglieder der Institute, die den Preis vergeben, ausgesuchte Persönlichkeiten aller Länder, die besonders dazu aufgefordert werden, und bestimmte Professoren an skandinavischen Universitäten. Es spricht für die Objektivität dieser Gremien, daß 1918, als Deutschland nicht gerade beliebt war, die beiden einzigen Preise, die überhaupt verliehen wurden, an Max Planck und Fritz Haber fielen. Bis 1922 gab es dann kein Jahr, in dem nicht wenigstens ein Preis nach Deutschland kam. Auch 1944 und 1946, als selbst die Neutralen auf Deutschland böse waren und alles Deutsche, auch die noch immer anerkannte deutsche Wissenschaft verdächtig war, vergaben die schwedischen Preisrichter Nobelpreise an Deutsche.

277 Menschen aus aller Welt sind bisher mit der hohen Auszeichnung geehrt worden. Die USA mit 49 und Deutschland mit 46 Preisen stehen in dieser Liste an der Spitze. Es folgen mit Abstand England (40), Frankreich (25) und Schweden (15). Wahrscheinlich sind die Russen selbst daran schuld, wenn sie mit drei Preisen weit abgeschlagen im Rennen liegen. Wer weiß schon etwas Näheres über einen russischen Wissenschaftler, Literaten oder Philanthropen?

Nobelpreisträger sind eine Art von Aktionären der Nobelstiftung, denn sie haben Anteil an dem Gewinn aus der Anlage des Nobelvermögens. Ihre wissenschaftlichen, künstlerischen und menschlichen Leistungen sind das Kapital, aus dem sie Dividende ziehen. Und die Dividenden sind in den letzten Jahren gut angestiegen. Sie betragen in diesem Jahr rund 154 000 DM für jeden der fünf Preise. 154 000 DM sind eine ganz schöne Summe, die zudem noch meist an Menschen fällt, die sicher nicht mehr um das tägliche Brot zu bangen brauchen. So geht der Nobelpreis denn auch vielfach an neue Stiftungen über oder wird zur Erweiterung der Forschung benutzt.

Auf dem Spezialgebiet Dr. Theorells, der Fermentforschung, steht die Medizin erst am Anlang. Freilich hat schon der Münchener Wieland vor etwa 40 Jahren auf die Wichtigkeit der Fermente im Zellstoffwechsel hingewiesen. Aber nur das Funktionsprinzip war bekannt. Danach verbrennt der Organismus seine Energiespender nicht wie ein Strohfeuer unter starker unnützer Wärmeproduktion, sondern stellt sich peinlich genau auf die benötigte Arbeitsleistung ein. Dadurch arbeitet der Organismus rationeller als jede von Menschengeist erfundene Maschine. Diese feinste Steuerung besorgen die Zellfermente. Sie können Oxydation möglich machen, das heißt Energie zur Verfügung stellen und Reduktion bewirken, also Energie speichern. Das von Otto Warburg am Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut entdeckte und von Theorell in seinem Aufbau dargestellte gelbe Atmungsferment steht hierbei an einer zentralen Stelle. Die Klärung der Struktur dieses Fermentes durch Theorell ermöglichte es, einen ersten sicheren Blick auf die subtilsten Stoffwechselvorgänge der Zelle zu werfen. Viele Fragen sind hier noch zu klären, deren wichtigste wohl die Frage ist, welche Stoffwechselveränderungen im Zellgeschehen bewirken, daß plötzlich eine Zelle anfängt, bösartig zu wachsen und das entsteht, was man mit Krebs bezeichnet.

Die Nachricht von der Verleihung des Nobelpreises ließ Theorell aus Freude mit seinen Mitarbeitern Sekt aus Reagenzgläsern trinken. Vielleicht war in diesen Reagenzgläsern gerade vorher ein weißliches Pulver, das Ergebnis einer ganz anderen Forschungsrichtung, die Professor Theorell zusammen mit Professor Davide betreibt. Er "dressiert" bestimmte für den Menschen unschädliche Bakterienstämme auf Tb, Diphtherie und andere krankmachende Keime. Er will dadurch eine neue Art von Antibiotika erzeugen. Noch sind diese neuen Versuche im ersten Stadium. So läßt sich auch gar nichts Gültiges darüber aussagen. Wie vielseitig muß aber ein Mann sein, der außer der Beherrschung der hochspezialisierten Wissenschaft von den Enzymen einen neuen Weg in der Bekämpfung der Bakterienkrankheiten geht und damit das Schlagwort widerlegt, nur noch der engbegrenzte Spezialist könne Geniales in der Forschung leisten. Dietrich Zekorn