Von Brigitte Tantau

Selbst auf die Gefahr, daß die Bausparkassen mir in Zukunft keinen ihrer bunten Prospekte mehr in den Briefkasten werfen, selbst auf die Gefahr, daß man mich eine wurzellose Asphaltpflanze schilt, muß es ausgesprochen werden: Wir bauen uns kein Haus.

Zugestanden: Alle unsere Freunde verachten uns insgeheim, weil wir es noch nicht zu einem Haus gebracht haben; sie sagen, wir seien nicht häuslich. Sie aber, die Hausbesitzer, wissen nicht, daß ihr Haus sie besitzt. Da sind so viele Aus- und Eingänge zu bewachen; und ununterbrochen verlangt das Haus, daß auf irgend etwas aufgepaßt werde. Ich aber kann einen nächtlichen Sturm vom warmen Bett aus rein ästhetisch genießen; die vielleicht losgerissenen Dachziegel lassen mich völlig kalt, sie gehen nur meinen Hauswirt etwas an. Reihum haben sich unsere Bekannten nun schon Häuschen gebaut. Für mindestens ein Jahr waren sie dann vollkommen down. Es war allemal wie eine komplizierte Schwangerschaft: wenn sie dann endlich "niedergekommen" waren, dann waren sie wirklich ganz runter! Wenn wir in den Ferien reisen wollen, so können wir uns von heut auf morgen dazu entschließen; wir brauchen niemanden zum "Einhüten" (wie es in Hamburg heißt). Für unsere Wohnung genügt ein Sicherheitsschloß.

"Aber denkt doch bloß an das viele Geld, das ihr jeden Monat dem Hauswirt in den Rachen werft!", sagen unsere Freunde. Ach, wir gönnen dem Hauswirt sein Geld, denn was wir dafür von ihm eintauschen, ist ja mehr als nur die Wohnung. Es ist die Freiheit von der Sorge, die uns ein "kaputtes" Dach oder eine verstopfte Rinne bereiten könnte. Am Schluß der freundschaftlichen Ratschläge, daß wir uns ein Haus bauen müßten, hören wir immer dies: "Wenn ihr euch aber doch einmal ein Haus bauen wollt, dann wendet euch vorher an uns! Wir haben bei unserem Hausbau eine Unmenge von Erfahrungen gesammelt, und wenn wir noch einmal ein Haus bauen würden, dann ..." So ist das nämlich: Wenn ich unsere hausbesitzenden Freunde so anschaue – eigentlich müßten sie alle noch ein Haus bauen, damit es richtig ein Gehäuse nach ihren Wünschen wird.

"Aber der Garten! Vergeßt den Garten nicht! Und die Gartenfeste im Sommer!" – Ich weiß. Nur abgehärtete, urige Naturen halten das aus! An einem kühlen Sommerabend sitzt man, in Wolldecken gehüllt, auf meist nicht sehr weichen Stühlen auf dem Rasen, der feuchte Kühle ausströmt. Das zu sommerlichen Gartenfesten gehörige Dekolleté bleibt unter dem kratzenden Wollmantel verborgen. Von Zeit zu Zeit schlagen sich die Gäste klatschend aufs Gesicht, auf die Beine, weil die Mücken auch zum Gartenfest gekommen sind ...

"Und die Obstbäume!" – Mir scheint: da geht

THEODOR FONTANE