Zu vier neuen Theaterstücken

Ein junger Autor war der Anlaß, nach Göttingen zu fahren. Asmodi, sein persisch klingender Schriftstellername, und der Werktitel Jenseits vom Paradies machten gespannt auf Weisheit aus Asien. Aber Herbert, wie schon deutscher Asmodis Vorname lautet, ist ein Schwabe aus Heilbronn. Er zählt 32 Lenze und obliegt in München dem Feuilletonismus. Auf einem Obstgut in Süddeutschland spielt denn auch das in Göttingen uraufgeführte Schauspiel. Unter 349 (!) Wettbewerbsarbeiten verlieh die Berliner Volksbühne diesem Vierakter eines Anfängers den vorjährigen Gerhart-Hauptmann-Preis.

Talentförderung in Richtung Bühnenpraxis, so hieß die Aufgabe für Preis und Premiere. Trotz des ominösen Titels hat "Jenseits vom Paradies" Ansätze zu einem Gebrauchsstück, jenem begehrten Mittelding des Theaters, säuberlich gedrechselt zwischen Dichtung und Effekt. Der Autor studierte nicht ohne Nutzen die Dialogtechnik von Ibsen bis Shaw. Als er sein Thema des verlorenen Paradieses in der Sphäre einer bürgerlichen Familientragödie ansiedelte, sah ihm Preispatron Hauptmann über die Schulter, dann klammerte sich Asmodi aber doch lieber an Sudermann. Man braucht sich also bei der beliebig auswechselbaren Handlung nicht aufzuhalten. Immerhin: wenn die Zuschauer in die Pause gehen, ist noch alles offen. Das zeugt von Spannungstechnik und Bühnengriff. Nachher rutscht das Konversationsstück ab in die Blässe eines Charakterdramas ohne Charaktere. Glaubwürdig wirken nur die älteren Herrschaften; denn bei ihnen werden gute und schlechte Eigenschaften dramatisch aktiv. Den jungen Leuten muß allzuviel aufs Wort glauben, und ihre Komplementärfarben sind nur angedeutet. Seltsamer Befund: ein junger deutscher Autor hat Blick und Geschick für die Alten; seine eigenen Generationsgenossen geraten ihm dagegen als Schemen. Grund: er folgte einem Schema, das nicht mehr gilt.

Was aber gilt augenblicklich, wenn man im Theater nach Maßstäben für eine Novität sucht? Natürlich das Gute, die Dichtung – sofern das jemandem gelingt. Es ist der Geniefall, die Ausnahme. Unterhalb dieser hohen Zone sind indessen drei Gattungen gleichsam als Arbeitskategorien Bühnenbrauch geworden: Problemstücke, Gebrauchsstücke und Reißer. Ihre Begrifflichkeit ist unausgegoren. Doch der Zufall fügte es, daß Göttingens "Deutsches Theater" vor dem Asmodi ein zweites Stück als deutsche Erstaufführung startete. Und dieses – Der Fall Pinedus von dem Italiener Paolo Levi – führte näher an die Frage nach dem Problem- und dem Gebrauchsstück heran.

Levi bringt einen Journalisten, der falsch geparkt hat, ins Polizeigefängnis. Der Kommissar hält ihn möglichst lange fest, er möchte dem Musikkritiker einen Denkzettel verpassen. Die Nichte des Polizeikommissars hat sich nämlich auf eine Kritik von Pinedus hin das Leben genommen. Rechtlich unschuldig ist der Häftling auch im dritten Delikt, das ihm jedoch zum Verhängnis wird. Gedankenlos hatte Pinedus eines Nachts das Messer aufgehoben, mit dem ein Barmädchen ermordet worden war. Nun zeugen die Fingerabdrücke gegen ihn. Das Kesseltreiben beginnt. Der Chef des Journalisten, mächtiger Direktor des Oppositionsblattes, benutzt die Verhaftung als Hebel für eine politische Kampagne; der Mensch wird zum unpersönlichen Märtyrer eines "Falles". Das Gericht gerät in die Druckkammer von Recht und Staatsräson. Der Polizeikommissar braucht um seines Bürgerglücks willen ein Geständnis. Pinedus legt es aus Mitleid ab. Während seiner Freiheitsberaubung hat er nämlich einen Gegenprozeß eröffnet. Dem Kommissar hilft er, weil er hinter dem Amt die Angst des ihm nahegerückten Menschen spürt. Als ihn die einzige Frau verläßt, über die er mit der Zukunft zusammenhängt, gibt Pinedus seine leibliche Existenz auf und demaskiert vor sich selbst Freunde, Feinde und Einrichtungen des öffentlichen Lebens. Sein Haupt wird, rechtlich unschuldig, fallen. Ihn interessiert nur noch die Frage: Sind wir alle schuldig, oder werden wir aus geheimnisvollem "Zufall" Opfer ? Der Geistliche schweigt. – Das literarische Urteil über dieses Stück liegt auf der Hand: Kafka und kein Ende! Die Motive von "Schloß" und "Prozeß" sind zu einem einzigen Schauspiel verwoben. Und doch: für Zuschauer, denen das Theater nicht als Seminar für literarische Dechiffrierung gilt, wird Kafka vielleicht erst in dieser Vereinfachung verständlich.

Das Gegenteil ist der "Reißer". Unter den drei Erfolgsstücken der vorigen Theatersaison – "Hexenjagd", "Teehaus" und "Caine" – waren die letzten beiden Reißer in Reinkultur. Wie da im Theater mit den Zuschauern Schindluder getrieben wird, lehrte kraß das Stück "Die Caine war ihr Schicksal". Bis zum vorletzten Bilde hatten die effektsicheren Praktiken eines szenischen Gerichtsverfahrens die Zuschauer in Harnisch gegen das Militärsystem gebracht. In der letzten Szene schaltete der Autor um und erklärte: Ich meine das Gegenteil. Ein neues, harmloseres Beispiel ist im Hamburger Thalia-Theater zu sehen. Der Roman An einem Tag wie jeder andere von dem jungen Amerikaner Hayes stellt sich auf der Bühne nur noch als Kriminalstory dar. Verblasen durch den szenischen Effekt ist, was im Roman die Tiefendimension bildete: die Rolle, die der Intellekt bei Bürgern und bei Gangstern gegenüber dem Triebleben spielt, die puritanische Wertigkeit des "Erfolgs", gestuft nach Bürgern und Banditen, die Angst als demoralisierendes Element – im epischen Original ein amerikanisches Loblied auf den Helden des Alltags. In der Theaterfassung Nervenkitzel. Sonst nichts.

Darüber kann kein Komödiant hinweg. Der Thalia-Direktor Willy Maertens hatte dieses Theater um des Theaters willen mit allen Künsten der Szene und des Spiels in Gang gesetzt– die Zuschauer gähnten bereits vor der Pause. In Braunschweig erlebten wir das Gegenteil: die Adoption eines geistvollen Autors für mimischen Zirkus, die Fälschung des Stückes. Die Studiobühne des Staatstheaters hatte Das Roß der fröhlichen Lerche von Hans Homberg zur Uraufführung angesetzt. Köstlich amüsierten sich die Zuschauer, und die Komödianten strahlten im Erfolg eines Bühnenulks. Homberg ist ein szenisch argumentierender Satiriker. Anscheinend fehlt für diese Spielart einem deutschen Provinztheater heute das Organ. Als in den "Kirschen für Rom" der größte Feldherr seiner Zeit von Homberg nur wegen seiner Verpflanzung des Kirschbaums aus Kleinasien nach Rom in die Weltgeschichte eingetragen wurde, als dieser Lukull auch noch, den Arm zum Hitlergruß erhoben, die Szene mit den Worten betrat: "Segen und Arbeit, liebe Leute", da lief vom Berliner Staatstheater aus eine heimliche Welle oppositionellen Entzückens durch Deutschland. Heute macht Homberg auf ähnliche Weise die Uniform lächerlich. Daß die beiden Nomaden, die erst russische, dann deutsche Uniformen tragen und in einem britischen Lager landen, aus Kobdo, jenseits der äußeren Mongolei stammen, das ermöglicht es dem Autor, sich der exotisch stilisierten Asienpoesie à la Klabund und zugleich der verfremdenden Didaktik à la Brecht zu bedienen. In einer Gerichtsszene, die in Braunschweig geriet, spielt Hömbergs Witz mit dem Recht des Stärkeren und der Utopie friedlicher Koexistenz. Und dennoch machte ein Theater, stolz auf seine Uraufführung eines deutschen Autors, aus der Satire auf die Zeit eine Posse "Pat und Patachon aus Kobdo". Wenige Kilometer von Braunschweig werden in Friedland die letzten Heimkehrer empfangen. Sie würden lächerlich gemacht, so schrieb der Kritiker einer Tageszeitung dem Staatstheater, und lehnte eine Besprechung ab. O sancta simplicitas! Witz, auf Zeitübel geätzt, ist immer noch so gefährlich wie damals, als Goebbels durchsetzte, daß Hömbergs Sokrates-Satire auch in Görings Staatstheater vom Spielplan abgesetzt wurde. Johannes Jacobi