"Wir in der Bank deutscher Länder haben gewiß unsere guten Gründe, wenn wir jetzt warnen ... Noch sind die Schlachten nicht geschlagen, noch sind die Lohnkämpfe nicht durchgefochten, noch ist auf dem Kreditgebiet keine hinreichende Konsolidierung eingetreten – noch sind wir nicht über den Berg!"

Präsident Dr. Vocke in seiner Ansprache vor dem Hamburger Übersee-Club am 7. November.

Ein Kommentar zu dem jüngsten Lagebericht des Berliner Instituts wird zweckmäßigerweise an dem letzten Bericht gleicher Art anknüpfen, der vor gut einem Vierteljahr, nämlich in der Ausgabe vom 4. August, hier erschienen ist. Das Institut meinte damals, die Konjunktur (in der westlichen Welt überhaupt und speziell im Bundesgebiet) stehe "im Zeichen der Nachwehen" jener Übersteigerungstendenzen, die in der Zeit vom Herbst 1954 bis zum Frühjahr 1955 "wohl vorhanden, aber vielfach überschätzt worden waren". – Unser damaliger Kommentar besagte, wir seien nicht ganz so optimistisch, und wir kündigen (zunächst noch als Vermutung) ein Eingreifen des Zentralbankrates als unmittelbar bevorstehend an: "sei es durch eine ,kleine‘ Diskonterhöhung, der primär eine psychologische Wirkung zugedacht ist, sei es durch eine Erhöhung der Mindestreservesätze – oder auch durch beide Maßnahmen zusammen." Unmittelbar nach Erscheinen der damaligen Ausgabe ist ja denn auch die Notenbank dazu übergegangen, die kreditpolitischen Zügel so, wie wir es als "berechtigt und geboten" bezeichnet hatten, etwas straffer anzuziehen.

Auch diesmal vermögen wir die optimistische Beurteilung der Konjunktur durch das Berliner Institut nicht ganz zu teilen. Dabei können wir uns auf den jüngst erschienenen (Oktober-)Monatsbericht der Bank deutscher Länder stützen, wo in erfreulicher terminologischer Klarheit von der Fortdauer der Übernachfrage auf einer Reihe von Wirtschaftsgebieten gesprochen, also die unpräzise Umschreibung Übernachfrage (oder "Abkühlung") durchweg vermieden wird. Welche Teilgebiete sind das nun im einzelnen? Es besteht – immer noch, trotz der frühzeitig einsetzenden saisonalen Entspannung auf gewissen Randfeldern des Arbeitsmarktes – ein ausgesprochener Engpaß bei den Arbeitskräften, der also "Gerechte und Ungerechte" gleichermaßen trifft, und somit generelle (kreditpolitische!) Maßnahmen gerechtfertigt erscheinen läßt. Es besteht weiter ein Engpaß in der Kohleversorgung, der sich darin ausprägt, daß ein erheblicher Teil des Bedarfs (mit fast zwei Mill. t monatlich, nach dem letzten Stand) durch Einfuhren gedeckt werden muß, die – soweit sie (etwa hälftig) aus USA stammen – um 20 v. H. über dem Inlandpreis (und zugleich um 20 v. H. über dem noch vor Jahresfrist geltenden Importpreis) liegen. Dieser "gespaltene Kohlenpreis" aber ist – man kann es wahrhaftig nicht anders sagen! – eine marktwirtschaftliche Monstrosität.

Dazu kommt die Übersteigerung der Nachfrage in den meisten Investitionsgüterindustrien, deren Lieferkapazität (nach der treffenden Formulierung des BdL-Berichts) "schon heute überfordert ist", was also "offenkundige Gefahren für die finanzielle Stabilität" in sich schließt. Endlich ist über die Lohnwelle zu sagen, daß sie "die Wirtschaft noch immer in einem Zustand der Labilität hält, dessen Gefahren nicht unterschätzt werden dürfen". Folgerichtig kommt der Monatsbericht zu dem Schluß, daß – bei aller Würdigung der Bemühungen von Prof. Erhard, durch eine Art von moral suasion Einfluß auf die Preisentwicklung zu nehmen – doch völlige Klarheit (auch bei der Bundesregierung) darüber bestehe: letzten Endes sei die Stabilhaltung des Preisniveaus von der weiteren materiellen Gestaltung der Marktverhältnisse abhängig. Maßhalten bei Lohnforderungen hier, bei Investitionsaufträgen da ist also noch immer das Gebot der Stunde; die Gefahrenzone ist noch längst nicht durchschritten – was also besagen will, daß ein drastisches Eingreifen mit kreditpolitischen Maßnahmen morgen oder übermorgen noch immer geboten sein kann, falls die Übernachfrage sich nicht allmählich weiter zurückbildet.

So als glauben wir, gestützt auf die Analysen der Zentralbank, die Situation sehen zu müssen; dabei haben wir durchaus nicht den Eindruck, als ob (wie es der vorstehende Bericht des Berliner Instituts an einer Stelle besagt) die konjunkturelle Lage und die aus ihr abzulesenden Tendenzen kein sicheres diagnostisches Urteil zuließen. Wir meinen, ganz im Gegenteil, daß die Gefahrenzonen sehr klar zu erkennen sind. E. T.