Die Neuordnung des Apothekenwesens, die in Deutschland seit langem überfällig ist, soll jetzt wenigstens auf dem Gebiet der Bundesrepublik (in Mitteldeutschland sind die Verhältnisse durch Staatseingriffe so unerträglich geworden, daß viele Apotheker sich, trotz hoher Strafdrohungen, nur durch einen Schwarzhandel mit den besseren westlichen Medikamenten zu helfen wissen) durch ein neues Gesetz ermöglicht werden. Der Entwurf vom 1. März dieses Jahres wurde bereits vom Bundesrat, mit Abänderungen, genehmigt und im Bundestag in der ersten Lesung verabschiedet. Die zweite und dritte Lesung ist für diese Woche vorgesehen. Rechts- und Gesundheitsausschuß haben die Annahme empfohlen.

In der Tat ist das Gesetz, wenn auch vielleicht kein Meisterstück, so doch eine annehmbare Grundlage für die kommende Entwicklung. Nur in einem Punkt hätte man aber der Gesundheitsabteilung des Bundesinnenministeriums etwas mehr Mut gewünscht. Hier wäre die Gelegenheit, eine neue, einheitliche und fortschrittliche Regelung zu schaffen, die frei veräußerliche und vererbliche Apotheke nämlich, wie etwa Bayern sie nach dem Kriege einführte. Statt dessen hält der Entwurf an einer Reihe verschiedenster Rechtsformen fest, die nur noch historische Bedeutung haben sollten, insbesondere an dem alten Zopf der von der Preußischen Medizinalverwakung 1894 durch Kabinettsorder geschaffenen, vom Staate verliehenen und nach dem Tode des Apothekers an den Staat zurückfallenden Verleihung, der sogenannten "Personalkonzession". Sie hat in Preußen gesunde Entwicklung aufgehalten. Viel zu wenig Konzessionen wurden von der Regierung ausgeschrieben, mit dem Erfolg, daß ausgebildete und approbierte Apotheker zwanzig bis dreißig Jahre warten müssen, bis sie durch eine solche Konzession selbständig wurden.

Bedauerlicher allerdings als dieser Fehler ist ein Vorschlag, den der Wirtschaftsausschuß des Bundestags präsentiert hat. Er schüttet das Kind mit dem Bade aus, indem er auch die Gründung – neuer – Apotheken nicht nur, wie billig, der Initiative des einzelnen Apothekers überlassen will, sondern – – jede – Lenkung, selbst wenn sie im öffentlichen Gesundheitsinteresse erforderlich ist, ausschalten möchte. Er will hierin die Apotheke, die doch besondere Aufgaben zu erfüllen hat, den normalen Gewerbebetrieben überhaupt gleichstellen.

Daß Amerikaner meinten, ein System, das für ihr eigenes Land gut genug wäre, müsse auch in ihrer Besatzungszone richtig sein, mag noch verständlich sein. Aber in Deutschland liegen die Verhältnisse anders. Eine Apotheke hat besondere Verpflichtungen. Sie soll eine Verantwortung gegenüber der Volksgesundheit tragen. Der Apotheker kann keine freien Preise nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage fordern, er ist an die "Arzneitaxe" gebunden, die die Gesundheitsbehörden vorschreiben. Er muß für Seuchen und Notfälle einen bestimmten Vorrat von Medizinen halten, ganz gleich, ob es "rentabel" ist oder nicht. Er muß Betrieb und Räume nach Vorschriften unterhalten, die der Sicherheit der Kranken dienen. All das sind Einschränkungen des freien Handels und Wettbewerbs, aber sie sind unerläßlich. Der Apotheker kann sie einhalten, weil ihm ein bestimmter Kundenkreis mit einem durchschnittlichen Verbrauch an Arzneien gesichert ist. Stellt man ihn aber anderen Gewerben gleich, erlaubt man durch eine wahllose "Niederlassungsfreiheit" eine ungesunde Häufung von Apotheken, so zwingt man sie zu einem Erwerbs- und Wettbewerbswettlauf, unter dem ihre besonderen Aufgaben leiden müßten. Sie müßten, um sich zu halten, Reklame treiben wie andere Unternehmen, sie müßten wie diese versuchen, den Absatz immer mehr zu steigern.

Das wäre nicht ungefährlich. Man kann am Arzneisüchtige erziehen. Und weiter: Apotheken haben Heilmittel, Rauschgifte vor allem, die nur der Arzt verschreiben darf, die aber von Süchtigen, um jeden Preis gesucht werden. Man sollte, bei aller Achtung vor dem Standesethos, nicht Menschen, die, wie dies bei wahlloser Niederlassungsfreiheit für Apotheken der Fall wäre, um ihre Existenz ringen müßten, unnötig in Versuchung führen. v. Z.