Unter der Überschrift "Rot-braunschwarz" hatte in Nr. 39 der ZEIT unser Theaterreferent Johannes Jacobi kritisch darauf hingewiesen, daß einer der prominentesten Dirigenten der Sowjetzone, Franz Konwitschny, von den Städtischen Bühnen Augsburg in ihrem Personalverzeichnis für die laufende Spielzeit als musikalischer Oberleiter genannt worden sei. Für den verantwortlichen Generalintendanten Hans Meissner, dessen Wandlungen in derselben Glosse beleuchtet wurden, tritt in einem ausführlichen Brief der im übrigen verdienstvolle Oberbürgermeister von Augsburg, Dr. Müller, ein. Wir geben den Hauptpunkten seiner Erwiderung und abschließend einer Stellungnahme von J. Jacobi Raum.

Es ist richtig, daß im Werbeheft der Städtischen Bühnen unter "Musikalische Leitung" die Herren Generalmusikdierektoren Konwitschny und von Matacic aufgeführt sind ohne die Bezeichnung "a. G." (als Gast) und daß die beiden Herren den Städtischen Bühnen Augsburg lose verbunden sind dadurch, daß sie gelegentlich Opern und Konzerte dirigieren. Hierin verfahren die Städtischen Bühnen Augsburg nicht anders als fast alle anderen Bühnen. Daß aber die beiden Herren Konwitschny und von Matacic nicht – ausschließlich oder fast ausschließlich und fest angestellt – bei den Städtischen Bühnen Augsburg beschäftigt sind, weiß selbstverständlich jeder Augsburger Theaterinteressent und ebenso selbstverständlich auch jeder einigermaßen beschlagene Theaterkenner. Daß Herr Konwitschny "als musikalischer Oberleiter der Städtischen Bühnen offeriert" werde, ist also unwahr.

Ihr Mitarbeiter macht Herrn Meissner einen Vorwurf daraus, Herrn Konwitschny engagiert zu haben, unter Hinweis auf dessen Position als Leiter der Ostberliner Staatsoper und des Leipziger Gewandhausorchesters. Die Tatsache, daß Herr Konwitschny beide Institute künstlerisch leitet, spricht zunächst einmal für seine Fähigkeiten (und macht übrigens erst recht, sogar dem Laien, deutlich, daß er daneben nicht auch noch musikalischer Oberleiter der Augsburger Bühnen sein kann). Nachdem er mit dem Gewandhausorchester um die Jahreswende in München ein von Presse und Publikum sehr zustimmend aufgenommenes und von keiner Seite beanstandetes Konzert geleitet hatte, ergab sich für den Kulturreferent und den Kulturausschuß keine Veranlassung, für Augsburg bedenklicher zu sein, zumal sich Herr Konwitschny, soweit bekannt, in keiner Weise hervorgetan und sich lediglich auf seine großen küstlerischen Aufgaben konzentriert hat.

Man mag verschiedener Meinung darüber sein, ob es richtig ist, Künstler aus der Ostzone in die Bundesrepublik zu verpflichten. Nach meiner Auffassung können Bedenken dagegen, einen politisch jedenfalls nicht besonders hervortretenden, in der Ostzone wirkenden Künstler in die Bundesrepublik zu verpflichten, nicht bestehen. Mit dieser Auffassung befinde ich mich meines Wissens höchstens im Widerspruch zu einigen Berliner Stellen, für welche aber natürlich besondere Voraussetzungen gelten, aber im Einklang mit den zuständigen Stellen des Bundes, der Länder und mit den Richtlinien des Deutschen Städtetages.

Es ist richtig, daß Generalintendant Meissner mit Generalmusikdirektor Konwitschny und der damaligen Frankfurter Oper mehrmals in den ersten Kriegsjahren Aufführungen des "Rings" in Balkanländern durchgeführt hat. Herr Jacobi, der offenbar in abfälligem Sinn darauf hinweist, muß dies besonders gut wissen, da er selbst im Auftrage des Propagandaministeriums als Presseberichterstatter 1939 an einer derartigen Gastspielreise teilgenommen und die Gastspielreise der Frankfurter Oper unter besonderer Hervorhebung der Herren Meissner und Konwitschny in der "Deutschen Allgemeinen Zeitung" und im "Neuen Wiener Tagblatt" rühmend hervorgehoben hat! Diese Gastspiele dienten künstlerischen Zwecken ebenso wie die Exporte deutscher Industriefirmen wirtschaftlichen Zwecken. Ebensowenig wie man den deutschen Industriefirmen einen Vorwurf daraus machen will und kann, daß sie auch während des Dritten Reiches exportiert haben, wird man die Frankfurter Oper und ihren damaligen Leiter Meissner wegen solcher Gastspiele tadeln können. Herr Meissner versicherte mir, daß er niemals auf einer solchen Reise eine Rede zu "Führers Geburtstag", wohl aber zum Heldengedenktag gehalten hat, was ihm gerade jetzt, wo die letzten Kriegsgefangenen begeistert empfangen werden, gewiß niemand übelnehmen wird.

Herr Meissner hat nie ein Hehl daraus gemacht, vor 1933 der SPD angehört zu haben. Infolge der Zugehörigkeit zu dieser Partei wurde er 1933 aus seiner Stellung als Intendant der Städtischen Bühnen Stettin entlassen und mußte sich aus Stettin fluchtartig entfernen. Als er Monate später als gebürtiger Frankfurter zum Generalintendant der Städtischen Bühnen Frankfurt berufen wurde, war es nur mit größter Mühe möglich, die Bestätigung von den zuständigen Stellen zu erlangen. Die Behauptung, daß Herr Meissner als einer der ersten von den braunen Machthabern als Intendant bestätigt worden sei, ist daher unrichtig. Die politische und weltanschauliche Haltung von Herrn Generalintendant Meissner ist Gegenstand eines ausführlichen und gründlichen Spruchkammerverfahrens gewesen. – Daß er während der Zeit seiner Internierung zur Katholischen Kirche konvertiert ist, ist ausschließlich seine Privatangelegenheit.

Der Vorwurf des Gesinnungswechsels im negativen Sinne ist daher vollkommen unzutreffend. Das Zitat aus dem "Faust", mit dem Herr Meissner mit Mephisto verglichen wird, ist beleidigend. – Ich habe noch hinzuzufügen, daß selbstverständlich die politische Vergangenheit von Herrn Generalintendant Meissner vor seiner Berufung nach Augsburg eingehend geprüft worden ist, und zwar sowohl von der Verwaltung als von Fraktionen des Stadtrates, und daß die von mir angeführten Umstände der außerordentlich eingehenden Begründung des Spruches der Spruchkammer Frankfurt entstammen.