Von Georg Berkenhoff

Man verbreitert hier eine Straße, schafft dort einen Durchbruch, gestaltet die Plätze um, und unaufhörlich wächst der Wald der Verkehrsschilder. Alles notwendige und verdienstvolle Aufgaben. Alles äußerst teuer. Und doch vergeblich.

In den letzten 50 Jahren hat sich – rein rechnerisch gesprochen – die dem Verkehr zur Verfügung stehende Fläche um 75 v. H. erhöht. In der Realität aber ist sie gesunken, weil sich die "Erhöhung" fast ausschließlich auf die Stadtrandgebiete bezieht, wo in den neuen Siedlungen auch neue Straßen gebaut wurden. In den Städtkernen selbst aber ist die Ausdehnungschance, die der Bombenkrieg geschaffen hat, nur sehr unvollkommen genutzt worden. Dabei werden die Straßen und Plätze immer mehr von parkenden Kraftfahrzeugen besetzt, so daß die effektiv vorhandene Verkehrsfläche von Tag zu Tag sinkt.

Welchen Beanspruchungen aber sind die Straßen ausgesetzt, die in ihrer Mehrzahl schon vor 50 Jahren bestanden! In diesen Jahren nahm die Bevölkerung in Deutschland um das Zweieinhalbfache zu. Zweieinhalb mal soviel "Verkehrsteilnehmer" sind also unterwegs, und es sind nicht mehr die gemächlich gehenden oder kutschierenden Menschen von damals. Jeder einzelne ist heute – so berechnete es der Verkehrswissenschaftler Professor Dr. Leibbrand, Zürich – zehnmal soviel und so weit unterwegs wie früher. Bei zweieinhalbfacher Bevölkerungszahl bedeutet dies die 25fache Beanspruchung der Straßenflächen. Während aber der Fußgänger nur 0,75 qm in Anspruch nimmt, braucht der Motorradfahrer mindestens 18, der Autofahrer 30 qm. Noch im Jahre 1920 entfielen auf Fahrrad und Personenkraftwagen nur 9 v. H. der Verkehrsleistung, heute sind es bereits über 33 v. H. Der Flächenbedarf ist damit auf das 60fache gestiegen.

Und diese Entwicklung geht in atemberaubendem Tempo weiter. 1938 hatten wir 1,8 Millionen Kraftfahrzeuge, heute sind es über 5 Millionen, und dazu kommen noch 2 Millionen Mopeds. Die Kraftfahrzeuge "vermehren sich", wie Ministerialrat Direktor Straulino vom Bundesverkehrsministerium es kürzlich ausdrückte, "wie die Kaninchen, die dreimal im Jahr eine stattliche Kinderzahl produzieren, die Straßen aber wie die Elefanten, die eine Austragungszeit von 22 Monaten haben und dann nur ein Kind in die Welt setzen".

Die Amerikaner, die uns auf diesem Gebiet noch stets einige Schritte voraus waren, haben zunächst einmal vorexerziert, wie wir das Problem nicht lösen können. Sie haben unvorstellbar hohe, für uns nicht diskutable Summen aufgewendet, um immer neue Straßen über und neben und unter den anderen zu bauen – es hat nichts genutzt. In den Stadtkernen sind die Grundstückswerte im Durchschnitt bereits um 44 v. H. gesunken; denn wenn er es irgend vermeiden kann, zieht der Amerikaner nicht mehr in die City und kauft dort auch nicht mehr ein. Es dauert zu lange, bis er an seinem Ziel angekommen ist und in dessen Nähe einen Parkplatz gefunden hat.

Wir haben weniger Geld als die Amerikaner und engere Straßen. Wir können uns auch nicht leisten, leisten, unsere Innenstädte veröden zu lassen – das käme einer Wirtschaftskatastrophe gleich. Die Anlage immer neuer Stadtrandsiedlungen bürdet der Allgemeinheit durch den Bau neuer Wege, neuer Strom- und Gasanschlüsse, Wasser- und Abwasserleitungen sehr hohe Kosten auf. Ist also keine Rettung?