J. M., Wien, im November

In Wien versteht man unter Neutralität sehr ver-

schiedene Dinge. Die Mehrheit des österreichischen Volkes meint, Neutralität betreffe nur den Militärsektor und die Außenpolitik und lasse im übrigen alle Gedanken und Worte frei. Eine Minderheit freilich meint, man solle aus Gründen der Neutralität von der Freiheit des Wortes möglichst wenig Gebrauch machen.

Ein angesehener österreichischer Journalist, Dr. Portisch, sollte im Wiener Rundfunk aus Genf berichten. Nach den ersten Sendungen wurde er abgeschaltet. "Ein bissl scharf war Ihr Kommentar", wurde ihm aus Wien mitgeteilt. Fast gleichzeitig wies der Wiener Rundfunk seine Kommentatoren an, unnötige Witze und Spitzen gegen die Oststaaten in Zukunft zu unterlassen – das gab es nicht einmal unter russischer Besatzung! Programmdirektor Henz gab eine "Grundsatzerklärung" ab, aus der hervorgeht, daß nach seiner Ansicht der Rundfunk die Regierungspolitik widerzuspiegeln habe. Dabei ist diese Regierungspolitik, wenn auch neutral, so doch keineswegs so würdelos, wie Herr Henz anzunehmen scheint.

Die Reaktion der Öffentlichkeit war erfreulich scharf. Wenn Radio-Kommentatoren angewiesen werden, nirgends anzuecken, so meinen viele, dann werden sie eines Tages sicherheitshalber um eine Sprachregelung bitten – und bald heißt es dann statt Deportationen "Landverschickungen". Das aber ist gewiß nicht der Sinn der Befreiung gewesen. Glücklicherweise ist dies die vorherrschende Meinung in Österreich.