Trotz der zum Schluß der letzten Börsenwoche eingetretenen kräftigen Kurserholungen konnten die zu Wochenbeginn entstandenen Kursverluste nicht ausgeglichen werden. Allerdings wird die Kaufneigung – auch von Seiten des Publikums – mit jedem Rücklauf der Aktienkurse ausgeprägter und die Abgaben geringer, so daß markttechnisch eine Beruhigung in der Abwärtsbewegung immer näher rückt. Dieser Zustand könnte allerdings bei einer Verschärfung der Lohnkämpfe schnell wieder beseitigt werden, so daß die anhaltende Nervosität nicht ganz unberechtigt erscheint. Wie sich jetzt immer deutlicher herausstellt, hat ein Teil der Banken in letzter Zeit zu Geldbeschaffungszwecken Aktien- und noch mehr Aktienmaterial freigesetzt, nicht etwa weil die Rediskontmöglichkeiten erschöpft sind, sondern vielmehr aus Vorbeträge, um bei weiteren Restriktionsmaßnahmen der BdL vorbereitet zu sein. Dadurch und weil Teile der Kundschaft Liquiditätsreserven in öffentlichen Anleihen angelegt hatten, die jetzt realisiert werden müssen, hat der Rentenmarkt einen Stoß erhalten, der zu Verzerrungen geführt hat. Es rächt sich jetzt, daß die öffentlichen Anleihen infolge der Kapitalmarktförderung ungesund placiert worden sind. Wenn die Bundesanleihe in der vergangenen Woche mit 100 v. H. notierte, dann sagt das wenig, weil nur ein geringer Teil des Angebots jeweils aufgenommen wurde.

In Übereinstimmung mit gewissen Befestigungstendenzen an den Weltbörsen traten zum vergangenen Wochenende auch an den deutschen Wertpapiermärkten wieder ausländische Käufer auf. Inwieweit diese Haltung mit der Genfer Konferenz zusammengebracht werden kann, ist zwar völlig unbestimmt, doch wird in Börsenkreisen die Tatsache, daß die Westmächte anscheinend nicht gewillt sind, einen Kompromiß um jeden Preis anzustreben, als günstig gedeutet, weil sie der Kapitalanlage in der Bundesrepublik ein bestimmtes Maß an Sicherheit gewährleistet. Die inländische Kundschaft ließ sich bei ihren Rückkäufen von der Ansicht leiten, daß der in den vergangenen Wochen erlebte Kurssturz keine Rechtfertigung in der gegenwärtigen Konjunkturlage findet. In Konsequenz dieser Einsicht haben die inländischen Goldmünzenkäufe stark nachgelassen, so daß zum Beispiel der Preis für ein 20-Mark-Stück von 41,50 auf 40 DM zurückgefallen ist.

Die Nachricht von möglichen Arbeiterentlassungen, in der Kraftfahrzeugindustrie (Borgward) hat im ersten Augenblick alarmierend gewirkt, doch haben sich diese Sorgen inzwischen weitgehend verflüchtigt. Der dividendenlose BMW-Abschluß für 1954 konnte die Aktionäre natürlich nicht begeistern, doch hatte seine Bekanntgabe keinen negativen Einfluß auf den Aktienkurs, der von 168 auf 160 fiel und später wieder bis 163 anstieg. Diese Bewegung entspricht der Gesamttendenz in der abgelaufenen Woche. Bei Daimler wird die Kursbewegung weiterhin durch Sondermomente bestimmt (372–359). Interessenkäufe schaffen hier eine besondere Situation, wenngleich man nicht verkennen soll, daß der Kurs auch heute noch eine ansehnliche Höhe besitzt, die sich mit der Rendite in keiner Weise in Übereinklang bringen läßt. Die Minderheitenaktionäre lösen sich von einem solchen Papier natürlich relativ leicht, zumal es sich für die meisten noch mit großem Nutzen abstoßen läßt. Ford fielen von 197 auf 185 zurück.

Im Vordergrund des Geschäfts standen die Montanaktien, die inzwischen einen Tiefstand erreicht hatten, der förmlich zu Rückkäufen einlud. Bedauerlich ist nur die hektische Form, in der die Kurse wieder angestiegen sind. Sie ist aber eine Folge der Marktenge, durch die seriöse Geschäfte sehr erschwert werden. Wie erwartet werden mußte, kam es zu keiner Notiz für das Bezugsrecht der Mannesmann-Wandelschuldverschreibungen. Ihre Emissionsbedingungen waren offensichtlich auf einen Aktienkurs abgestellt, der über 200 v. H. lag, nicht zwischen 160 und 170 v. H., wie es an den betreffenden Tagen der Fall gewesen ist. Der Bezugsrechtkurs bei Berger Tiefbau hat die rechnerische Parität nicht erreicht. Mit 44 v. H. bei einem auf 280 (301) reduzierten Aktienkurs wurden die Bezüge der Vereinsbank in Hamburg gehandelt.

Von den großen IG-Farben-Nachfolgern fielen Bad. Anilin und Hoechster erstmalig wieder seit langer Zeit unter die 200 v. H.-Grenze. Besonders gedrückt waren Farbwerke Bayer, deren Bewertung höher als die der anderen beiden Gesellschaften liegt, weil hier ein Bezugsrecht noch in Aussicht steht. Auf Rückkäufe gab es bei allen drei Gesellschaften um die Wochenwende jedoch kräftige Kurserhölungen. Auch die Liquis, die bis 35 1/2 gedrücket waren, konnten bis 38 anziehen. Zu beträchtlichen Schwankungen kam es bei den Kaliwerten, aber auch bei den Elektropapieren. Im Falle der Elektroversorgungsunternehmen setzt sich immer mehr die Ansicht durch, daß die Befürchtungen, die Strompreissenkungen könnten einen negativen Niederschlag in der Dividende finden, unbegründet sind. Man rechnet mit ziemlicher Sicherheit bei der HEW für das am 30. Juni 1955 beendete Geschäftsjahr mit einer Dividende von 7 v. H. Eine Kapitalerhöhung wird vermutlich noch auf sich warten lassen. Der Aktienkurs von 145 dürfte jedoch nur noch ein geringes Risiko in sich bergen.

Die Kursverluste bei den Lokal- und Spezialwerten sind in erster Linie eine Folge von Tauschoperationen, die ihre Besitzer zugunsten niedriger bewerteter Standardpapiere vornehmen, um hier in den erwarteten Wiederanstiegsgewinn zu gelangen. Auch hier geht also die Kursbewegung unabhängig von der Geschäfts- und Konjunkturlage des einzelnen Unternehmens aus. Durch die oft stürmische Abwärtsbewegung und die eingeschobenen Erholungspausen sind naturgemäß ungerechtfertigte Kursdifferenzen entstanden, in die eine geschickte Spekulation nunmehr hineinstößt und dabei auch ihren Gewinn findet. Im übrigen wird die Gesamttendenz an den deutsches Wertpapiermärkten ziemlich treffend in den Kursbewegungen der Zertifikate der Investmentgesellschaften widergespiegelt: FONDRA 199–193, FONDAK 307 1/2bis 295 1/4 FONDIS 118–114 1/4 -ndt