Sie ist unglaublich graziös. Dem Standbein sieht man die Muskelanspannung nicht an, obwohl es weit vorgespreizt und durch dieses andauernde Verharren in der Endphase eines federnden Schrittes in einer gewiß nicht bequemen Situation ist. Das Spielbein hingegen verliert sich anmutig in perspektivischer Verkürzung unter dem Tüllschleier. Die mittleren Partien wurden mit Rücksicht auf die benachbarte Knabenschule verhalten behandelt (mit Ausnahme des Busens, der, einem starren "Vorgebirge gleich, einsame Flugzeuge bedroht). Der Kopf ist ein einziges Lächeln, das alles verheißt und nichts sagt. Die Locken wehen analog zum Tüll, ihre Spitzen kitzeln die Regenrinnen und schmeicheln den zahllosen Schornsteinen. Auf den Händen trägt sie etwas, das sich von hier unten nicht genau erkennen läßt. Ein gebauschtes Spruchband verrät das Fabrikat, und jeder Psychologe weiß, gleich, ob das Zeug etwas taugt, man wird es kaufen, ob man es braucht oder nicht.

Das Ganze wurde mit einigen Zentnern Ölfarbe auf die Brandmauer gemalt zur Betörung jener, die unten an diesem nassen Spätnachmittag auf die Straßenbahn warten. Die Farben sind weich und erinnern in Mischung und Süßstoffgehalt an jene Nachspeisen, die man in gewissen Gaststätten schon vor der Suppe auf den Tisch geknallt bekommt. Die Formen schmiegen sich bereitwillig an das Auge, und alles zusammen ist eine einzige Verführung, glatt, wasserabweisend und komplikationslos. Seit> lieh unterhalb der großen Zehe bewegt sich gerade schwerfällig eine alte Frau. Da ist nämlich die Haustür.

Eine unbedeutende Frau in Schwarz ist es, und ie kann sich glücklich schätzen, daß ihr Zimmer genau hinter dem reizend lächelnden Mund im fünften Stock liegt. So zehrt sie gewissermaßen unentgeltlich vom strahlenden Optimismus. Sie bringt übrigens gerade die Bestätigung mit nach Hause, daß es doch Krebs Ist. Die Treppen geben sich nun noch ein bißdien trostloser, noch mühsamer, noch verfallener, als sonst, und sie weiß, sie wird das alles im Zwiegespräch mit sich selbst abmachen müssen, mit dem Aluminiumtopf, den vergriffenen Photographien und dem Blick aus dem Fenster auf den Dschungel der Baugerüste, es sei denn, sie ginge zum Nachbarn hinüber.

Der haust hinten auf dem Dachboden zwischen einem Strohsack und zwei Apfelsinenkisten, da malt er seine Bilder, die von der großen Schönheit singen und die kein Mensch kaufen will. Wer aus dem Jahre 1955 wollte schon Kunst aus dem Jahre 1955. Das Moderne wird erst dann modern, wenn es durch Tradition anerkannt ist. Er weiß das auch und schätzt, daß, wenn er Glück hat, ihm diese Auszeichnung zehn Jahre nach seinem Tode zuteil werden wird. Und er rechnet mit nichts mehr. Seine Jahre gehen zum Schornstein hinaus wie der Qualm, den der Wind gierig aus den halbverfaulten Brettern im Bunkerofen lutscht. Er denkt nicht, er fragt nicht, er redet nicht, er malt. Die Wand ist drinnen unverputzt. Draußen flattern die Haare des betörenden Mädchens.

Ein Stockwerk tiefer geht es bürgerlicher zu. Di Frau sitzt am Küchentisch und betrachtet ihre roten Hände, zwischen denen sie eine Schüssel mit Bratkartoffeln dreht. Die Kinder hocken an ihren Plätzen. Wenn sie mit dem Löffelstiel spielen, bekommen sie etwas auf die Finger. Der Stuhl des Vaters ist noch leer. Seine Filzpantoffeln stehen ausgerichtet unter dem Sitz. Si sind beigebraun kariert Die Zeitung wartet neben dem geblümten Warenhaus Teller. Jeden Letzten bringt er pünkt lieh 387 29 DM nach Hause. Einmal in der Woche kegelt er und zweimal entdeckt er zärtliche Empfindungen. Das geschieht gewöhnlich mittwochs und sonnabends. Heute ist Donnerstag. In der rückwärtigen Wohnung ist die junge Frau des nicht mehr ganz so jungen Reisenden naturgemäß oft allein. Sie hat den noch jüngeren Studenten, der ihr gerade eine langweilige Monatsschrift anpreisen wollte (wer liest schoiyGedithte), zu einer Tasse Tee geladen. Man muß schließlich etwas für die Studenten tun. Echte Fürsorge sei wichtig, sagt man.

"Das dürfen Sie aber nicht", haucht sie mit dem bewährten Vibrato und übt einen schlagsahnesanften Druck gegen seine Hände aus.

"Das geht doch nicht", atmet sie schwer, löscht durch eine Bewegung der Abwehr zufällig das Licht der Stehpe und zerdrückt das Couchkissen, das sie ihredann zu Weihnachten mit freundlichen Ornamei bestickte.