Von Walter Abendroth

Von den schriftlichen Äußerungen eines Menschen verraten seine Briefe weit mehr über sein Wesen, als seine Werke. Alle "Kunst" ist wie eine Maske, hinter der das wahre Gesicht des schöpferischen Menschen nur vermutet, nicht genau erkannt werden kann. Was durch diese Maske hindurch gesprochen wird, ist nicht an diesen oder jenen anderen gerichtet, sondern gewissermaßen "an alle". Es wird von der Kunst erwartet, daß gerade durch sie jedermann versteht, was durch sie gesagt sein soll. Und mancher Künstler (oder wer sich dafür hält) wendet sich sogar "an alle", wenn er Briefe schreibt. Das heißt: er schreibt sozusagen für den Druck, im Hinblick schon auf künftige Publikation. Auch das verrät natürlich etwas über seinen Charakter.

Eine andere Art von "Kunst" des Briefschreibens – auch sie trifft man besonders bei Künstlern an – ist die jedesmalige minutiöse Einstellung auf den jeweiligen Partner. So entstandene Briefe tragen gleichsam ein Kostüm, das genau auf die Mentalität und den Geschmack des Adressaten zugeschnitten ist. Sie können ein besonderes Maß von Hingabe an den anderen, sie können aber auch Zweckbewußtsein, raffinierte Berechnung bezeugen. Einer der größten Meister dieser Technik war Richard Wagner. Seine Briefe an die guten Dresdener Freunde, auch die meisten Briefe an seine erste Frau Minna, zeigen einen gemütlichen, sächsischen Spießer; Briefe an prominente Zeitgenossen, einflußreiche oder hochgestellte Personen dagegen platzen manchmal vor Geschwollenheit des Ausdrucks und verschrobenem Pathos der Satzbildung, wobei immer (berühmtestes Beispiel: die Briefe an den armen, edlen König Ludwig) den persönlichen Schwächen des Betreffenden um so mehr geschmeichelt wird, je bedeutender sich der erhoffte Vorteil der Phantasie des Schreibenden darstellt...

Diese Vorbetrachtung ist nötig, wenn man die dritte Kategorie von Briefen richtig würdigen will. Sie ist zwar die unter Durchschnittsmenschen allgemein übliche, aber gerade bei Persönlichkeiten von Geist und Format weit seltener, als die vorgenannten Arten. Es sind Briefe, in denen der Schreiber sich schlicht und natürlich mitteilt, so wie er ist, unverfälscht, ohne Gedanken daran, was der andere "gerne hört"; ohne besondere Rücksicht auch auf die speziellen Wesenseigentümlichkeiten des Angeredeten. Ein gleichbleibender, stetiger Charakter spricht sich darin aus; ein geradliniges Denken und ein zuverlässiges Gefühl. Ein Mensch ohne Eitelkeit. Jedoch das heißt nicht, daß ein solcher Korrespondent beim Schreiben egoistisch in sich selbst versponnen bliebe. Aber das "Eingehen auf den andern" ist hier ein kaum merkbarer, stiller, selbstverständlicher Vorgang, auf welchen wiederum keine "Kunst" verwendet wird. Je bemerkenswerter der Autor derartiger einfach "menschlicher" Briefe ist, desto erquicklicher lesen sie sich für den späteren Kenner, dem sie dann doch eines Tages als Literatur geboten werden. So geschieht es nun auch mit

Ricarda Huch: Briefe an die Freunde. Ausgewählt und eingeführt von Marie Baum. Rainer Wunderlich Verlag, Hermann Leins, Tübingen. 392 Seiten, Ganzleinen 16,80 DM. Als diese Schriftstellerin hohen Ranges – gewiß mehr historische und religiöse Denk’erin denn eigentliche Dichterin – am 17. November 1947 starb, war zuviel menschliche Substanz lange Jahre hindurch verschwendet worden, als daß der Verlust den Eindruck gemacht hätte, der ihm gebührte. Der vorliegende Briefband lehrt eindringlich, daß die damals der Erschöpfung durch eine gewagte Flucht aus der Sowjetzone Erlegene wohl über das biblische Alter hinaus gediehen war; doch bis zu allerletzt einen erstaunlich frischen Geist bewahrte. Eine gänzlich unmoderne Erscheinung in ihrer Gleichmütigkeit gegenüber dem Ruhm, den sie jederzeit bereit war, nötigenfalls der Gesinnungstreue zu opfern. Nicht streitsüchtig, aber kampfbereit. Darum wählte sie auch in der Hitlerzeit nicht den manchmal. bequemeren Weg ins Exil (der ihr offenstand); sie blieb und litt und wirkte mit am inneren Widerstand. Selbst die Ausweichung in den "Westen" – nach dem deutschen Zusammenbruch – geschah, trotz bereits mancher schwierigen Situation, nicht auf eigenen Wunsch, sondern auf sanften Zwang der Familie. Wie sehr es der geistig masculinen, dabei anderseits recht mütterlichen Frau gemäß war, dort, wohin das Schicksal sie einmal gestellt hatte, auch ihre Aufgabe durchzustehen, das eben ist ein hauptsächlicher Eindruck dieser Briefe, die, von der Herausgeberin biographisch ergänzt, die letzten sechsunddreißig Jahre des dreiundachtzigjährigen Lebens umfassen. Und wie lebendig wird dabei der wechselnde politische Hintergrund der Zeiten – obwohl davon fast nur in gelegentlichen kurzen Sätzen die Rede ist, außer etwa in den großartigen Briefen, in denen Ricarda Huch dem Präsidenten der Preußischen Akademie der Künste 1933 ihren demonstrativen Austritt begründet oder in den mutigen Bekenntnissen, die sie mit Helmut Gollwitzer und anderen Widerständlern austauscht.

Nicht weniger sporadisch und trotzdem das Alltägliche der Mitteilungen ständig durchleuchtend, wird der persönlich-geistige Zeitablauf bemerkbar, der Hintergrund der schöpferischen Arbeit. Ihn betreffen vor allem die Briefe an Anton Kippenberg und Martin Hürlimann, die Verlegerfreunde. Insbesondere drehen sich die Hürlimann-Briefe um die Entstehung der dreibändigen "Deutschen Geschichte" (deren letzter Band "Untergang des Römischen Reiches Deutscher Nation" erst 1949 erschien, da er im Dritten Reich "unmöglich" war). Das gewichtige Werk – vor kurzem vom Atlantis-Verlag in prächtiger Ausstattung neu herausgebracht – stellt zweifellos eine der imposantesten geschichts-philosophischen Leistungen unseres Zeitalters dar. Nicht zuletzt auch wegen der ernsten Bemühung um Unparteilichkeit, bei spürbarer Leidenschaft für den vielschichtigen Stoff. Es verlangt Achtung, wie ehrlich diese Bemühung sich erweist. Das bekundet sehr schön ein Brief vom 7. August 1937: "Mit dem letzten Punkt haben Sie wohl recht, ich hätte den Barock erwähnen können. Ich hatte das Gefühl, daß er in den folgenden Band gehöre, der, wie gesagt, vorausgesetzt werden muß, wenn er auch nicht von mir geschrieben werden sollte. Der Katholizismus kommt in dem Kapitel Österreich zu seinem Recht, und außerdem finde ich, daß, wenn dieser Band mit einem gewissen Vorteil der Reformation schließt, das doch wohl gerechtfertigt ist. Gerade weil ich das Ereignis im ganzen als tragisch aufgefaßt habe, in mancher Hinsicht sogar als sehr verderblich, wollte ich auch auf das Große hinweisen, was es gebracht hat..."

Dieselbe Gewissenhaftigkeit, dieselbe Charaktertreue zeigt sich in diesen Briefen überall. So auch bei der Vorbereitung des (nicht mehr geschriebenen) Ehrenbuches für die Opfer des Hitlerterrors; so in der nimmermüden Umsorgung der Tochter in jedem ihrer Lebensalter; so aber auch in den tausend Dingen der alltäglichen Lebensführung, von denen weite Partien der reinen Freundshafts- und Familienbriefe handeln. Ein Vergnügen eigener Art gewähren die Briefe an den Enkel Alexander Böhm, mit dem die weise gewordene Alte wie mit ihresgleichen, und doch auf eine unverkünstelt jugendliche Weise verkehrt. Und viel Ergreifendes klingt auf in dem brieflichen Gespräch mit dem einstigen Gatten und unverlierbaren Freunde Ermanno Ceconi.

Unsere Tage sind nicht übermäßig gesegnet mit so sympathischer Humanitas, wie sie aus diesen Blättern spricht. Am wenigsten kommt sie noch in Verbindung mit intellektuellen Ambitionen vor. Insofern hat das Buch obendrein den Sinn eines Trostes (daß es dies immerhin noch gibt, oder wenigstens vor kurzem noch gegeben hat) oder – für den Optimisten – einer Verheißung. Nicht verschwiegen sei übrigens die Sorgfalt der Herausgeberin, die alles notwendige, ergänzende Wissen um die jeweiligen Briefpartner, die näheren Zeitumstände, die gleichzeitigen schriftstellerischen oder dichterischen Arbeiten der Briefautorin mit großer Akuratesse bereitstellte.