Vier Forderungen sind es vor allem, die man an ein gutes (nicht perfektes, das gibt es nicht) Wahlrecht stellen sollte: Es soll gerecht, es soll mehrheitsbildend, es soll persönlich (nicht bürokratisch) und es soll plausibel sein. Das Weimarer System war gerecht (es projezierte die Schattierungen der Volksmeinung photographisch genau in den Reichstag) und es war plausibel; aber es war weder mehrheitsbildend noch persönlich. Das Wahlrecht der Kaiserzeit war persönlich, mehrheitsbildend und plausibel, aber es war nicht gerecht. Seine Ungerechtigkeit lag einmal darin, daß in Wahlkreisen mit geringer Bevölkerungsdichte jede Wählerstimme mehr Gewicht hatte als in denen mit größerer Volkszahl, was vor allem die Sozialdemokraten erbitterte, zum anderen in der Schwierigkeit, Männern zu einem Mandat zu verhelfen, die zwar im Lande, aber nicht in ihrer engeren Heimat Resonanz besaßen. Friedrich Ebert errang sein erstes Reichstagsmandat erst im zweiten Wahlgang mit Hilfe freisinniger Stimmen, und Stresemann fiel sogar im zweiten Wahlgang durch und kam erst nach dem Ausfall eines anderen Abgeordneten viele Monate später in den Reichstag.

Auch das Wahlrecht der Bundesrepublik schließt solche Pannen nicht aus. 1949 unterlag Theodor Heuss in Mehrheitswahl gegen die sozialdemokratische Kandidatin des Wahlkreises Stuttgart I und kam erst durch Verhältniswahl, über die Landesliste, in den Bundestag. Ferner kann man gegen dieses Wahlsystem einwenden, daß die zwei Stimmen ein und desselben Wählers und die doppelten Listen den Wahlvorgang unnötig komplizieren.

In Schweden beispielsweise gibt der Wähler nur eine einzige Stimme ab. Die Auswertung seiner Stimme erfolgt durch ein Verfahren, das zwar kompliziert ist, in dessen Geheimnisse er aber ebenso wenig einzudringen braucht, wie jemand, der Licht an- und ausknipst, in die Geheimnisse der Elektrizität. Jede Stimme wird automatisch einem Wahlbündnis (sofern ein solches besteht) einer Partei, einer Fraktion innerhalb der Partei und schließlich einem bestimmten Kandidaten angerechnet. Wahlbündnisse ermöglichen, bei gutem Willen der Beteiligten, eine starke Konzentration der politischen Kräfte.

Die durch die Erkrankung des Bundeskanzlers ausgelösten Besorgnisse weiter deutscher Kreise können durch ein besseres Wahlgesetz zwar nicht zerstreut, aber doch gemildert werden. Ein solches Wahlgesetz müßte die Konzentration aller staatsbejahenden Kräfte fördern, dem Wähler ermöglichen, nicht nur Parteien, sondern auch Personen zu wählen, Wählerstimmen und Mandate müßten in einem gerechten Verhältnis zueinander stehen, und das Wahlverfahren muß so einfach sein, daß jedermann es verstehen und richtig handhaben kann.

Die Aufgabe, ein solches Wahlgesetz zu schaffen, sollte nicht unlösbar sein. Gösta v. Uexküll