Genf: Vorschläge und Gegenvorschläge lösten auch in der zweiten Konferenzwoche einander ab. Eine Annäherung der Standpunkte wurde nicht erzielt. Neu, wenn auch von Pankow vorher angekündigt, war Molotows Vorschlag, ein "gesamtdeutscher Rat" solle die Wiedervereinigung vorbereiten. Die Westmächte lehnten ab, erkundigten sich aber trotzdem nach Einzelheiten. Mit Molotows Berliner Vorschlag einer gesamtdeutschen "provisorischen Regierung" hat der gesamtdeutsche Rat nichts zu tun. Er soll nur Ratschläge geben, aber keine Beschlüsse fassen. Dennoch vermuten sowohl die Westmächte wie Bonn auch in diesem Projekt einen Versuch, die Anerkennung Pankows zu erreichen und neutralistische Tendenzen in Westdeutschland zu stärken. Ungeachtet der Gegensätzlichkeit der Standpunkte tragen die Westdelegierten, vor allem die amerikanischen, Optimismus zur Schau. Dulles macht größte Anstrengungen, den "Geist von Genf" auch über diese Konferenzrunde zu bringen. Aus innenpolitischen Gründen wünscht Washington kein offenkundiges Scheitern der Konferenz, und in diesem Punkt sind sich Washington und Moskau ausnahmsweise einig.

Grenzschutz-Eingliederung: Der Bundesverteidigungsrat hat in der Frage der Beibehaltung des Bundesgrenzschutzes oder Einverleibung in die westdeutschen Streitkräfte ein salomonisches Urteil gefällt: der Grenzschutz wird sowohl einverleibt, wie beibehalten! Hundertschaftweise soll er vom Verteidigungsministerium übernommen werden. Grenzschützler, die keine Lust haben, Soldat zu werden, brauchen sich nicht übernehmen zu lassen. Was aus dem Grenzschutz werden soll, steht noch nicht fest. Innenminister Schröder erklärte jedoch, es werde "ein Rest bleiben, der sich ergänzen ließe". Palästina: Israels neuer Ministerpräsident Ben Gurion hat den arabischen Staaten ein Friedensangebot gemacht, daß von diesen prompt zurückgewiesen wurde. Sie wollen alles vermeiden, was als eine Anerkennung des Staates Israel ausgelegt werden könnte, und erklären, es kämen nur Verhandlungen mit neutralen Stellen wie der UNO in Frage. An der ägyptisch-israelischen Grenze spielten sich neue Kämpfe ab, die auf beiden Seiten Tote und Verwundete forderten. Gleichzeitig mit der weiteren Festigung der mohamedanischen Front gegen Israel – auch Pakistan und die Türkei erklärten sich mit den Nachbarländern Israels solidarisch – verschlechtern sich Beziehungen zwischen Tel Aviv und Moskau. Ben Gurion erklärte, die Initiative für die tschechischen Waffenlieferungen an Ägypten liege nicht bei Prag, sondern bei der Sowjetunion, und die kommunistische Presse innerhalb und außerhalb Rußlands nimmt eindeutig für die Araber und gegen Israel Stellung. Die Westmächte stehen vor dem peinlichen Dilemma, entweder den Dingen ihren Lauf zu lassen, was den Krieg und die Vernichtung Israels bedeuten kann, oder der Sowjetunion als Preis für die Einstellung der Waffenlieferung ein Mitspracherecht im Nahen Osten einzuräumen. Überraschung In Saarbrücken: Der im Kampf um das Saarstatut geschlagene ehemalige Ministerpräsident Hoffmann hat in der Frage Rückkehr zu Deutschland oder "Europäisierung" eine Wendung von 180 Grad vollzogen. Sein Organ, die "Saarländische Volkszeitung", versucht die politischen Gegner, die ihm und seine Anhänger "Separatisten" nennen, an patriotischer Gesinnung zu übertrumpfen und fordert die Rückkehr des Saargebiets zu Deutschland. Bonn–Moskau: Die Verhandlungen über die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen kommen nicht vom Fleck. Daß die Verzögerung politische Gründe habe – etwa den amerikanischen Wunsch, die diplomatische Normalisierung Bonn–Moskau zu bremsen – wird von offiziellen Bonner Stellen ebenso abgestritten wie sowjetischerseits die Vermutung, daß die Unterbrechung der Heimkehrertransporte Moskaus ein politischer Gegenzug sei.

Marokko: Am 18. November soll Ben Jussef, mit dessen Rückkehr auf den Thron des Scherifenreichs sich jetzt alle Beteiligten, sogar die 300 000 in Marokko lebenden Franzosen, abgefunden zu haben scheinen, nach Marokko heimkehren. Ein wenig rühmliches Kapitel der französischen Politik in Nordafrika, das mit der Absetzung Ben. Jussefs und seiner Verbannung nach Madagaskar begann, findet damit – wenigstens vorläufig – seinen Abschluß. Von einer vollständigen Befriedung Marokkos kann allerdings keine Rede sein. Überfälle und Attentate fordern täglich neue Opfer. Dulles bei Franco und Tito: Von Madrid hätte Außenminister Dulles gern das Versprechen Francos nach Genf zurückgebracht, die guten Beziehungen Spaniens zu den Arabern in die Waagschale der westlichen Friedensbemühungen in Nordafrika und im Nahen Osten zu legen. Auch lag ihm daran, Franco erneut auf die Gefahren des internationalen Kommunismus aufmerksam zu machen. Moskau hat Franco (inoffiziell) versprochen, Spaniens Aufnahme in die UNO zu gestatten, falls Franco bereit ist, mit Moskau diplomatische Beziehungen anzuknüpfen. Franco hat dem sowjetischen Vorschlag weder zugestimmt, noch ihn – was Dulles sympathischer gewesen wäre – abgelehnt. Während Dulles in Madrid bemüht war, die durch die Entspannung in Unordnung geratenen spanisch-amerikanischen Fäden etwas zu straffen, stand,sein Besuch bei Tito ganz im Zeichen des "Geistes von Genf". Belgrader Pressekommentare sprachen von den "verstärkten Möglichkeiten aktiver Koexistenz zwischen Ländem mit verschiedenen politischen Systemen".