Es gab wohl keinen Menschen im ganzen weiten Umkreis der geistigen Öffentlichkeit Berlins, der weniger "geheimrätlich" gewirkt hätte als er, Wolfgang Goetz, der trunkfeste, Jovialität ausstrahlende, sagenhaft kenntnisreiche und doch so gänzlich unpedantische Erzliterat der "guten alten Schule", die sich an ihm tatsächlich als alte und gute Schule bewährte. Und doch nannten gerade ihn – und er ließ es sich schmunzelnd gefallen – die Jüngeren gern den "Geheimen", weil er nämlich, wirklich und wahrhaftig, den Titel "Geheimer Regierungsrat" führte. Ohne je Verwaltung studiert zu haben (im Gegenteil, er hatte noch bei Erich Schmidt im germanistischen Seminar mitgehalten), war er doch, in den zwanziger Jahren, eine Amtsperson geworden: als Mitglied der staatlichen Filmzensurstelle, wo er, wie überall, mit Humor und sachter Hand für reine Luft sorgte. Er war ein Leipziger, aus der Gelehrtendynastie der Goetz (auch ein Turnvater war unter seinen Ahnen), und er liebte die Stadt der großen Druckereien und Verlage zärtlich. Aber er wurde ein überzeugter Berliner, wie es nur wenige gab, ein richtiger, seßhafter Bürger der Reichshauptstadt, mit einem Landhaus in Stahnsdorf. Und als nach 1945 so viele "Wahlberliner" sich von der zur Insel gewordenen Stadt absetzten, blieb er dort, nun in Wilmersdorf (denn in Stahnsdorf saßen die Russen), gesellig, aufgeschlossen, mitteilsam wie immer. Der ruhmgekrönte Autor des "Gneisenau"-Dramas dünkte sich nicht zu gut, in jede Premiere zu gehen und (oft noch am gleichen Abend) ein paar aphoristische, aber stets erfahrungsgesättigte kritische Zeilen darüber zu Papier zu bringen, sehr viel lieber ermunternd als rügend, aber auch dies, wenn es not war, in aller Deutlichkeit. "Du und die Literatur" (in der "Du und ..."-Reihe des Ullsteinhauses) war seine vorletzte, die Biographie des siebzigjährigen Werner Krauß (seines Ur-Gneisenau) seine letzte Buchpublikation. Goetz blieb jung, weil er sich heiter bewußt war, zu den "Alten" zu gehören, ganz unfeierlich und ohne Groll, immer erwartungsvoll, wie der alte Theodor Fontane. Dessen biblisches Alter zu erreichen, ist ihm aber nun doch versagt geblieben. Eine Woche vor seinem siebzigsten Geburtstag erlag sein starker Lebenswille den langsamen Nachwirkungen des gefährlichen Daseins in und nach dem Krieg. Statt zu gratulieren, müssen seine Freunde nun kondolieren. Aber sie haben am Sarg nichts anderes zu sagen, als sie beim Festbankett gesagt hätten. C. E. L.