Vielleicht wirkt es klärend und läuternd, wenn man von Zeit zu Zeit erfährt, wie zerbrechlich der Geist ist. Der langsame Zerfall einer größtenteils für immateriell gehaltenen Substanz, deren Spuren man weder in Ganglien noch in Assoziationsfasern oder gar in der Hirnrinde entdecken kann, erschüttert, wenn man ihn Schritt um Schritt verfolgt, und dieses traurige Erlebnis wird dem Leser in einem schmalen Bändchen geboten:

"Der Clown Gottes" von Waslaw Nijinskij (Ernst Klett Verlag, Stuttgart, 11,50 DM).

Ein vergötterter Tänzer, über dessen künstlerisches Ausdrucksvermögen man keine Worte mehr zu verlieren braucht, will die Aufgabe seines Lebens durch ein Buch erweitern, und es gelingt ihm nur die Geschichte seiner Krankheit, allerdings so mitreißend, daß die Lektüre für Menschen schizoider Veranlagung geradezu gefährlich ist durch die Möglichkeit ständiger Analogien. Das echte Interesse an der Veröffentlichung, die literarisch bedeutungslos ist, dürfte bei Medizinern, Psychologen und Theologen erklärlich, für das andere Publikum aber – im besten Sinne dieses Wortes – fragwürdig sein.

Ursprünge und Verlauf der furchtbaren Krankheit Nijinskijs sind leider nur zu verständlich. Als Schlüsselerlebnisse dürften gelten daß er von seinem Vater ins Wasser gestoßen wurde, um schwimmen zu lernen, die Begegnung mit einem Sterbenden und die häusliche Armut seiner Jugend. Später kamen gekränkte Eitelkeit, unbändiger Ehrgeiz, Überarbeitung und der Zwang, sich in erotischer Beziehung seinem tänzerischen Lehrmeister Diaghilew hinzugeben, noch dazu, so daß er schließlich für sein Liebesbedürfnis kein Objekt mehr fand und dafür die verschwommene Vorstellung der Weltbeglückung in sich nährte.

Da der Firnis des literarischen Anstrichs fehlt, konnten manche Geständnisse peinlich wirken. Die eigentliche oder besser gesagt spezielle Schizophrenie Nijinskijs läßt sich in ihrer Progression nicht so leicht verfolgen. Angstzustände, die Erkenntnis vegetativer Schwäche und die Identifizierung mit Gott oder Christus machen häufig schon im nächsten Satz vernünftigen Aussagen Platz, man spürt – ganz in der Linie der Bekenntnisse –, daß seine Frau die Hölle auf Erden erlitten haben muß.

Der Verlag hätte sich vielleicht durch ein paar Fußnoten um eine Klärung der Situationen bemühen sollen, denn so wird dem Leser nur das Siechtum einer sehr erregbaren Natur deutlich, die am Übermaß ihrer Leidensempfindungen zugrunde ging. Aber man möchte doch nicht nur den Kranken und seine Welt sehen, sondern gerade die Wirkungen dieses Kranken auf eine halbwegs normale Umwelt, man möchte an objektiven Darstellungen das Krankheitsbild besser erkennen, um unterscheiden zu können, wo von einer Schuld äußerer Einflüsse gesprochen werden kann. Wenn er zum Beispiel schreibt: "Nicht der Tod erschien mir furchtbar, sondern Diaghilew", werden damit Andeutungen gegeben, die ein zumindest unvollständiges Bild des anderen vermitteln. Zur Klärung genügen auch weder das Vorwort von Serge Lifar noch die Einleitung von Joachim Bodamer, die übrigens ein sprachliches Kabinettstück ist, allerdings mit dem gewagten Schluß, daß Nijinskij sich durch sein Leidensübermaß mit Gott in einem Atemzug nennen dürfe.

Bei aller Kritik aber bleibt das Tagebuch Nijinskijs ein verlegerisches Wagnis, dem man jene Anerkennung zollt, die einer gewissen, mit sicherem Verkaufsinstinkt geschaffenen Art von Publikationen oft versagt bleiben muß. Dazu gehört leider