Das sind ja zwei junge Leute", sagte der betagte Ordinarius für Physik, als wir ihm die Verleihung des Nobelpreises an Dr. Polykarp Kusch und Dr. Willis E. Lamb mitteilten. Wofür aber wurden diese beiden amerikanischen Physiker, der 44jährige, im deutschen Blankenburg geborene Dr. Kusch – seine Eltern sind schon im Jahre 1912 mit ihm in die Vereinigten Staaten ausgewandert – und der 42jährige Dr. Lamb, ein geborener Amerikaner, mit dem höchsten wissenschaftlichen Preis ausgezeichnet?

Sie haben den Irrtum eines britischen Nobelpreisträgers korrigiert: auf diese höchst einfache Formel brachte es eine amerikanische Nachrichtenagentur. Der korrigierte Wissenschaftler ist P. A. Dirac, der als 31jähriger zusammen mit Schrödinger im Jahre 1933 den Preis für seine Theorie des Elektrons erhalten hatte. Von Haus aus ist Dirac Mathematiker. Das Elektron wird in seiner Theorie durch ein System von Gleichungen dargestellt. Lange Zeit stimmten die Gleichungen Berechnungen mit den Messungen der Experimentalphysiker überein. Lamb hat nun durch eine neue experimentelle Meßmethode beim Wasserstoffatom und beim Helium geringe Abweichungen zu den aus der Dirac-Theorie errechneten Werten gefunden, die sogenannte Lamb-Verschiebung,

Auch Kusch konnte einen Wert der Diracschen Gleichungen um ein geringes korrigieren und damit die Diracsche Theorie des Elektrons vervollständigen. Alle diese Arbeiten entziehen sich der anschaulichen Darstellung und sind für den Praktiker ohne Bedeutung. Ihr reiner Erkenntniswert jedoch ist groß, und mit der Ehrung von Kusch und Lamb wurde zugleich vom Nobel-Komitee unterstrichen, daß es den Wert der reinen Grundlagenforschung auch in einer Zeit sehr hoch einschätzt, die den Forscher gerne zum Gehilfen des Strebens nach einem bequemeren Leben degradieren möchte.

Daß der amerikanische Biochemiker Vincent du Vigneaud mit dem Nobelpreis bedacht wurde, war allgemein erwartet worden, nachdem dieser Forscher beim Weltkongreß der Chemiker in Zürich vor drei Monaten durch sein Referat über die Synthese eines Eiweißhormones Oxytoxin geglänzt hatte. Die Frage lautete nur: Erhält du Vigneaud den Preis für Medizin oder für Chemie?

Du Vigneaud – trotz seines französischen Namens im Herzen Amerikas, in Chikago, geboren – ist einer der führenden Eiweißchemiker. Nur einmal, während des zweiten Weltkrieges, verließ er sein eigentliches Interessengebiet, um an der Synthese des Penicillins zu arbeiten. Der Nachweis, daß das Vitamin H mit Biotin identisch ist, stammt ebenso von du Vigneaud wie die Erkenntnis von der Identität des Uterus kontrahierenden Hypophysenhinterlappen-Hormons Oxytoxin mit dem sogenannten Milcheinschußfaktor bei der Brustdrüse. Dieses Oxytoxin besteht, wie du Vigneaud nach langen Versuchen zeigen konnte, aus acht Amino-Säuren, ist also ein relativ einfaches Protein, relativ einfach – denn eine Synthese aus den acht Amino-Säuren ist immer noch eine geradezu ungeheuer komplizierte Aufgabe. Würde man diese acht Amino-Säuren einfach im Reagenzglas mischen, so käme noch lange keine Vereinigung zustande. Man muß vielmehr in einem großen Geduldspiel die Bausteine in der richtigen Reihenfolge einzeln miteinander verbinden, nachdem man sie durch Überführen in Chloride oder andere Salze reaktionsfähig gemacht hat. Als erstem Forscher gelang du Vigneaud dies mühevolle Experiment. Der Nobelpreis war der verdiente Lohn. k. m.