Als der Ausbruch der koreanischen Feindseligkeiten im Sommer 1950 der Welt die düstere Vision eines neuen allumfassenden Krieges vor Augen führte, da versammelte sich in dem abgeschiedenen Kloster Himmerod im lieblichen Moseltal eine Handvoll ehemaliger deutscher Generalstabsoffiziere, um "die Lage" zu besprechen. Fünf Jahre war es her, daß die deutsche Wehrmacht in Reims kapituliert hatte. Die Generalstäbler im Kloster Himmerod trugen keine Uniformen mehr und verfügten über keinen einzigen Soldaten; nur ihre Erfahrungen waren ihnen geblieben. Als ein kleiner untersetzter Herr mit fast bäuerischen Gesichtszügen im schlechtsitzenden Zivil eines verabschiedeten Generals seinen Vortrag beendete, in dessen Verlauf er an der großen Europakarte mit Hilfe roter und blauer Kringel eine bestechende Analyse etwaiger sowjetischer Angriffe und westlicher Gegenaktionen entworfen hatte, da stand nur einer der anwesenden Offiziere auf und fragte, ob man denn gar nicht merke, wie gespenstisch dieses ganze Tun sich von dem Panorama eines besiegten, besetzten und geteilten Deutschlands abhebe. Es war der junge Graf Baudissin, der heute versuchen soll, der neuen deutschen Armee auch einen neuen Geist einzuflößen. "Allein", so gesteht heute der Schöpfer des Idealbildes eines Staatsbürgers in Uniform, "ich muß zugeben: auch ich ertappte mich dabei, von der Präzision, ja der Kunst fasziniert zu sein, mit der bei diesem Vortrag jede militärische Möglichkeit und Notwendigkeit in wenigen Sätzen vollkommen eingefangen war."

Der verabschiedete General, der dies vermochte, und unter dessen Leitung der Major a. D. Wolf Baudissin heute seine Vorstellungen zu verwirklichen hofft, war damals und ist heute der höchste militärische Berater der Bundesregierung, Adolf Heusinger.

1897 in Holzminden an der Weser als Sohn eines Gymnasialprofessors geboren, trat Heusinger 1915 als Fahnenjunker in ein mitteldeutsches Infanterieregiment ein. Schon in der Reichswehr wurde er 1922 zu "Führergehilfen-Kursen", dem durch den Versailler Vertrag bedingten Ersatz der Kriegsakademie, abkommandiert. In der Anonymität des Generalstabs diente er sich eisern und zäh immer höher hinauf, bis er 1937 in der Operationsabteilung des Oberkommandos des Heeres saß, deren Chef er 1940 wurde.

Es schien ein Tag wie jeder andere, der diese Karriere jäh und abrupt beenden sollte, es war der 20. Juli 1944. An dem sechs Meter langen Eichentisch im Lagerbunker des Rastenburger Führerhauptquartiers saßen und standen wie schon oft Hitler und seine militärischen Gehilfen. Über die Lagekarte gebeugt der Chef der Operationsabteilung, General Heusinger. Gerade war er in seinem Vortrag von Galizien zur Heeresgruppe Nord gesprungen: "Die Gefahr für sie wird immer größer." Hitler: "Das hat sie sich selbst zuzuschreiben. Sie hat nichts getan, um durch Angriff nach Süden ihre rechte Flanke zu schützen." Heusingeri "Die Russen drehen mit starken Kräften westlich der Düna nach Norden ein. Ihre Spitzen stehen bereits südwestlich Dünaburg. Wenn jetzt nicht endlich die Heeresgruppe vom Peipus-See zurückgenommen wird, dann werden wir eine Katastrophe ..."

Eine gewaltige Detonation schnitt ihm das Wort ab. Menschen und Möbel wirbelten durch die Luft, die Lagekarten standen in Flammen, in das Chaos quäkte die Fistelstimme Feldmarschall Keitels: "Wo ist der Führer?" – Es war fünf Minuten nach zwölf.

Drei Tage später wurde der verwundete Heusinger im Lazarett Rastenburg von zwei Gestapobeamten verhaftet und in die Prinz-Albrecht-Straße übergeführt. Zeugenvernehmungen und Gegenüberstellungen führten zu nichts. Zwei Monate später wurde er aus Mangel an Beweisen aus der Haft entlassen, mit der Auflage, sich an seinem Wohnsitz aufzuhalten.

Die Ungewißheit, ob der General Heusinger an der 20.-Juli-Verschwörung beteiligt war oder nicht, beendete seine Karriere im "Dritten Reich": sie gefährdete auch seine Wiederverwendung in der Bundesrepublik. Denn anfangs wurde ihm in Bonn der Gegenvorwurf gemacht, allzu treu und allzu lange dem "Dritten Reich" an prominenter Stelle gedient zu haben. Inzwischen ist erwiesen, daß er zwar von dem Attentat nichts wußte, aber Verbindungen zu den Verschwörern unterhielt. Und seit der Personalgutachter-Ausschuß, der alle Einstellungen vom Oberst aufwärts überprüft, festgestellt tat, "daß dem General Heusinger die persönliche Eignung für eine hohe Führerstellung ... nicht abgesprochen werden kann", ist es zur Gewißheit geworden, daß dieser überragende Operateur, der heute Chef der militärischen Abteilung im Verteidigungsministerium ist, neben dem "Philosophen in Uniform" Speidel einer der beiden vorgesehenen Drei-Sterne-Generale der neuen deutschen Streitkräfte sein wird.