Giacomo Manzù in Bremen, sein Landsmann Marini (mit neuen Lithographien) in Hamburg, Richard Haizmann (jener von Sauerlandt entdeckte und seitdem vergessene große deutsche Einzelgänger der zwanziger Jahre) in Bielefeld, Wilhelm Lehmbruck in Hannover: das ist wahrhaftig eine erregende und spannungsgeladene Konstellation, ein benachbartes Nebeneinander der verschiedensten Möglichkeiten moderner Plastik, wie es nur der Zufall und keine organisatorische Planung zustande bringt.

Die Lehmbruck-Ausstellung der Kestner-Gesellschaft vereinigt die wesentlichen und weit verstreuten Teile des Oeuvres zu einer Gesamtschau, wie man sie sich bei der relativ geringen Zahl der hinterlassenen Werke kaum großartiger und vollständiger denken kann. Der neue Kustos Werner Schmalenbach, der bisher am Baseler Gewerbemuseum tätig war, hat aus deutschen Museen, Privatsammlungen und dem Besitz der Familie Lehmbruck 43 Skulpturen zusammengebracht, dazu 18 Gemälde, die verhältnismäßig selten gezeigt werden, und viele Zeichnungen, Radierungen und Lithographien. Sie stammen in der Hauptsache aus den Jahren 1910 bis 1918.

Damals, von 1910 bis zum Ausbruch des Krieges, lebte Lehmbruck in Paris. Und es gehört zu den häufigen Paradoxien in diesem kurzen, glühenden, verzweifelnden Leben, daß sich gerade in Paris die Wandlung seines Stils und seiner Gesinnung vollzog, die dem Französischen so völlig konträr ist. Erst in der Fremde fand er sich selbst und entdeckte die deutsche gotisch-expressive Tradition als Quelle des eigenen Schaffens. Er distanzierte sich auch von dem großen französischen Bildhauer, von dem man noch immer behauptet, er sei ihm Vorbild und Lehrer gewesen: Aristide Maillol. Die heitere und selbstgenügsame Ruhe, das "Klassische" der Maillolschen Plastik stellt den genauen Gegenpol zu Lehmbrucks leidenschaftlicher Bewegtheit dar.

Als einziges Beispiel für sein frühes Schaffen steht in Hannover die Gruppe "Mutter und Kind" von 1907, und wenn man sie mit dem gleichnamigen Werk von 1918 vergleicht, hat man Anfang und Ende dieses Weges, der mit der allgemeinen europäischen Entwicklung doch nur lose zusammenhängt.

Diese Entwicklung ist durch abstrahierende Tendenzen, durch eine zunehmende Entfernung von der Natur, von den natürlichen Proportionen des menschlichen Körpers gekennzeichnet. Aber der Unterschied zwischen Lehmbruck und der europäischen Avantgarde ist unübersehbar und erschöpft sich nicht darin, daß Lehmbruck die Abstraktion weniger konsequent betrieben hätte wie Archipenko, Laurens, Brancusi (mit dem er in Paris zusammentraf), daß er etwa auf halbem Wege stehen geblieben wäre, wo nämlich die Plastik im Betrachter noch immer mühelos das Naturbild hervorruft. Nicht nur der Grad der Abstraktion ist verschieden, sondern ihr Motiv und ihr Ziel. Bei den andern, den Romanen, den eigentlichen Wegbereitern der Moderne, geschieht das Abstrahieren, der Verzicht auf jegliches Abbilden um der Form willen. Bei Lehmbruck sind es Gefühlsintensivierung und Ausdruckssteigerung, die die Gestalt verändern, sie über das natürliche Maß hinaustreiben. Daher das große, bekenntnishafte Pathos seiner Gestalten.

Man meint häufig, mit dem Bedauern des Nachgeborenen, Lehmbrucks Werk sei Fragment geblieben, weil der Tod – ein selbstgewählter Tod – ihm vorzeitig und mitten in der Entfaltung ein Ende gesetzt hat. Aber es ist genausowenig Fragment wie etwa der "Mädchentorso" 1913/14. Lehmbrucks Werk ist wie dieser Torso ein Ganzes, in sich vollendet, früh vollendet, es bedarf, nicht einmal in Gedanken, der Ergänzung. Gottfried Sello