Einer etwas boshaften Statistik zufolge sollen die drei meistverkauften Bücher in Italien der "Nuovo Melzi" – ein populäres Nachschlagewerk, eine Art von kleinem Brockhaus –, De Amicis "Cuore", ein rührseliger patriotischer Roman, und "Der perfekte Koch" von Artuisi sein.

Diese Statistik zu widerlegen und ein Interesse zu erregen, das über den engen Kreis von Literaten und Intellektuellen hinausgeht, gelang auch dieses Jahr wieder dem "Premio Bancarella", der sich von den unzähligen italienischen Preisgerichten, wie denen von Venedig, Viareggio und Bargutta, abhebt, weil er nicht das jeweils von einem Komitee gerichtete beste Buch auszeichnet, sondern den Band und den Autor, der im letzten Jahr den größten Publikumserfolg hatte. Die Gilde der "fliegenden Buchhändler" war nämlich vor zwei Jahren auf den originellen Gedanken gekommen, ihrerseits drei Bücher preiszukrönen und dabei die Auswahl nicht nur auf die italienischen, sondern auch auf die ausländischen Autoren auszudehnen.

"Bancarelle" sind jene in jeder italienischen Großstadt zu findende, von Zeltbahnen überspannte Landwägelchen, auf denen neben gebrauchten Schmökern auch die letzten Neuerscheinungen und manchmal sogar bibliophile Seltenheiten zum Kauf angeboten werden, und wo es jedem Liebhaber gestattet ist, nach Herzenslust herumzuwühlen.

Vor zwei Jahren war man einigermaßen gespannt gewesen, wem die Preise zufallen würden, ganz skeptische Intellektuelle meinten, daß bestenfalls Lialà, die italienische Marlitt, an erster Stelle stehen würde. Doch sie wurden schnell eines Besseren belehrt: die hundert sich an dieser Ausschreibung beteiligenden fliegenden Buchhändler erklärten, daß Hemingways "Der alte Mann und das Meer" von ihrem Publikum bevorzugt würde, an zweiter Stelle rangierte der Deutsche Ceram mit "Götter, Gräber und Gelehrte", und den dritten Preis erhielt der Finne Waltari für "Sinuhe". Der Preis besteht übrigens in keiner Geldsumme, sondern in der Verpflichtung der fliegenden Buchhändler, 2000 Bände des preisgekrönten Autors anzukaufen, und die Hälfte davon an Schulen, Krankenhäuser und Gefängnisse zu stiften. Nachdem also schon gleich beim erstenmal der Beweis erbracht worden war, daß der "Premio Bancarella", was die Erforschung des Lesergeschmacks anbetrifft, eine ganz ernsthafte Angelegenheit darstellt, war natürlich die öffentliche Meinung auch diesmal auf den Orakelspruch aus Premoli am 21. August recht gespannt.

Das dieses Jahr bevorzugte Buch ist "Le défroque", ein Außerordentlich mittelmäßiges Machwerk, das Harvé Le Boterf nach dem gleichnamigen Erfolgsfilm mit Fresnay in der Hauptrolle geschrieben hatte über das an sich sehr interessante Thema eines Priesters, der seinen Rock ausgezogen hatte und unter die Atheisten gegangen war. Es sei hierbei bemerkt, daß die größte Stimmenzahl, zuerst nicht auf Le Boterfs Machwerk gefallen war, sondern auf das erschütternde und ergreifende Tagebuch der zwölfjährigen Jüdin Anna Frank, die später in einem Lager endete. Doch da die Bedingungen einen lebenden Autor und ein erst letztes Jahr verlegtes Werk vorschrieben, konnte das "Tagebuch" nicht mit in den Wettbewerb aufgenommen werden. Neben den 46 Prozent für Harvé Le Boterf abgegebenen Stimmen standen 10 für Steinbeck (Das Tal von Eden), 8 für "Bonjour Tristesse" und 8 für Chessmans "Todeszelle 2455".

Man könnte interessante Schlüsse aus diesem italienischen Publikumsgeschmack 1955 ziehen – sicher ist auf alle Fälle, daß auch für dieses Jahr "Der perfekte Koch" und "Cuore" in den Hintergrund getreten sind. Ingrid Parigi