H. B., Madrid, im November

Die Madrider Botschaft der Vereinigten Staaten unterbreitete der Öffentlichkeit einen Rechenschaftsbericht, der manches von einer Verteidigungsschrift hatte: Er behandelte die ersten zwei Jahre amerikanischer Wirtschaftshilfe‚ in denen Spanien seit Unterstützung des Paktes vom September 1953 finanzielle Unterstützungen in Höhe von 170 Mill. Dollar erhalten hat. Von diesem Betrag ist bisher etwas weniger als die Hälfte in Form von Rohstoffen und Produktionsmitteln geliefert worden. Der Rest besteht aus elektrischen Kraftwerken, Eisenbahnmaterial und anderen Gütern, die ausgedehnte Lieferfristen beanspruchen. Für das laufende Rechnungsjahr hat der Kongreß einen weiteren Betrag von 50 Mill. $ bewilligt. Das sind gewiß keine allzu großen Summen, wenn man sie mit den Mitteln vergleicht, die nach dem Kriege anderen europäischen Ländern zuflössen. Eine merkliche Ernüchterung, was die Tragweite der amerikanischen Hilfe betrifft, ist daher in Spanien schon seit einiger Zeit nicht mehr zu verkennen. Selbst in maßgebenden Kreisen des Regimes werden zuweilen Fragen laut, ob man sich dem großen Verbündeten mit den Stützpunktverträgen wohl zu billig verkauft haben könnte. Beim Mann auf der Straße war die Partnerschaft ohnehin nie sonderlich populär. Aber auch in den Kreisen von Wirtschaft und Finanz sieht man jetzt die Auffassung bestätigt, die man vor Beginn der Verhandlungen mit den Amerikanern vertrat – daß nämlich durch Kredite von Regierung zu Regierung, wie sie Spanien bisher erhielt, dem chronischen Kapitalmangel der spanischen Wirtschaft nicht dauerhaft abzuhelfen ist.

Dieses Problem dürfte eine Rolle bei der fast zweistündigen Unterredung gespielt haben, die Foster Dulles dieser Tage in Madrid mit Franco hatte. Die Unzufriedenheit der Spanier ist natürlich in Washington nicht verborgen geblieben. Sie zu beschwichtigen war vermutlich eines der Hauptmotive, die den amerikanischen Außenminister zu seinem Blitzbesuch in Spanien veranlaßten. Das ist, wie es scheint, bis zu einem gewissen Grad gelungen, obwohl Dulles natürlich keine Möglichkeit hatte, Franco konkrete Zusagen hinsichtlich einer Erhöhung der Wirtschaftshilfe zu machen. Sie würde sich aber im Fall einer aktiveren Beteiligung des Regimes am System der Sicherheit des Westens früher oder später von selbst ergeben.

Offensichtlich ist es noch zu früh, die Auswirkungen der amerikanischen Hilfe schon heute in ihrem gesamten Umfang abschätzen zu können. Das ungeduldige Temperament eines Volkes, das erst lernen muß, wirtschaftlich in weiten Zeiträumen zu denken, neigt von jeher zu vorschnellen Urteilen, die vielleicht revidiert werden, wenn man eines Tages rückschauend das gesamte Panorama dieser Partnerschaft überblicken wird. Immerhin steht aber schon jetzt fest, daß die amerikanische Hilfe das Programm der spanischen Industrialisierung nicht in dem entscheidenden Maße fördert, wie man es in Madrid anfänglich erhofft hatte. Man wird auf die Dauer nicht umhin können, andere Wege der Finanzierung zu erschließen – mit einem Wort: dem ausländischen Privatkapital günstigere Bedingungen zu bieten, als man bisher einzuräumen bereit war. Sicherlich hat das Regime, vor allem seit Ende des zweiten Weltkrieges, den wirtschaftlichen Aufbau erfolgreich gefördert. Von seinem Tempo erhält man eine Vorstellung, wenn man liest, daß sich das Stammkapital der spanischen Aktiengesellschaften in den letzten zehn Jahrenvon 25 auf 91 Mrd. Pesetas erhöht hat. Während die agrarische Erzeugung seit 1930 nahezu stationär blieb, hat sich der industrielle Produktionsindex im gleichen Zeitraum fast verdoppelt. Aber dieser Fortschritt war durch eine Politik der Verstaatlichung, die große Teile des Volkseinkommens für die Industrialisierung opferte, nicht billig erkauft. Solange man darauf bestand, den Aufbau im wesentlichen aus eigener Kraft zu finanzieren, waren Rückschläge und Verzögerungen unausbleiblich. Daran ändert auch die amerikanische Hilfe nichts, die ihrem ganzen Zuschnitt nach nur als zusätzliche Unterstützung gewertet werden kann.

Spanien befindet sich im kritischsten Stadium seiner wirtschaftlichen Entwicklung, das durch den Übergang vom reinen Agrarland zum gemischten Wirtschaftssystem gekennzeichnet ist. Dieser Prozeß kann ohne empfindliche Erschütterung der sozialen Struktur weder rückgängig gemacht noch längere Zeit aufgehalten werden. Der Kapitalbedarf nimmt im Gegenteil so rasch zu, daß die Finanzexperten den Augenblick für gekommen halten, mit der bisherigen Politik der straffen Kontrolle der ausländischen Privatinitiative zu brechen. Vorläufig gilt noch immer das Gesetz, das den Anteil fremden Kapitals an spanischen Unternehmungen auf 25 v. H. der Gesamteinlagen beschränkt. Immerhin wurden in jüngster Zeit einige Ausnahmer. von dieser Regel gemacht, die in jedem Einzelfall durch den Ministerrat genehmigt werden mußten. Die Amerikaner versuchen seit jeher mit großer Zähigkeit, das Gesetz zu Fall zu bringen. Es geht dabei nicht nur um die Prozentklausel, sondern vor allem um die Transfermöglichkeit der Gewinne – ein Punkt, gegen den man sich auf spanischer Seite schon deshalb sträubt, weil damit eine schwer tragbare Belastung der Valutareserve verbunden wäre.

It einer Rede vor der amerikanischen Handelskammer in Bilbao gab der Botschafter der USA, Lodge, erst kürzlich wieder dem Regime zu verstehen, daß Kapitalinvestierungen größeren Stiles nur denkbar sind, wenn beide Teile von der Zusammenarbeit profitieren. Spanien wird also kaum auf eine wirksame Förderung durch das amerikanische Privatkapital hoffen dürfen, wenn es in dieser entscheidenden und hart umkämpften Frage nicht nachgibt. Aber gerade dafür scheint die Entwicklung jetzt endlich reif geworden zu sein. Die bisherigen Erfahrungen mit der amerikanischen Wirtschaftshilfe hatten immerhin den Vorzug, den maßgebenden Kreisen die Augen für die Notwendigkeit einer finanzpolitischen Liberalisierung geöffnet zu haben. Der Pakt mit den USA erweist sich immer deutlicher als der erste Schritt auf einen Wege, auf dem es keine Umkehr gibt: Es ist nicht zu bezweifeln, daß sich damit mehr noch eine psychologische als wirtschaftliche Revolution vollzogen hat. Allen vorbeugenden Maßnahmen der Währungstechniker zum Trotz hat sich seit Ankunft der überseeischen Bundesgenossen das Rad der Inflationen beängstigendem Tempo zu drehen begonnen. Doch es sind nicht allein die amerikanischen Geldmittel, die das Lohn- und Preisgefüge ins Wanken bringen. Spanien ist im Zeichen dieser Zusammenarbeit in einem weiterzufassenden Sinn als nur dem der aktuellen Politik international salonfähig geworden. Die Kontakte mit der Außenwelt mehren sich. Das Volk, das jetzt zum erstenmal Vergleiche anstellen kann, macht von dieser Möglichkeit einen Gebrauch, der für das Regime nicht immer bequem ist.

Man merkt es fast täglich an hundert kleinen Anzeichen. Die Lebensansprüche des Durchschnittsspaniers nehmen erstaunlich schnell zu. Der Standard hebt sich so rasch, wie es den schwachen Kräften eines unterentwickelten Wirtschaftskörpers kaum gut bekommen kann. Nichts ist bezeichnender für die Steigerung der Ansprüche, als das plötzliche Aufkommen des Abzahlungssystems, das bisherdem spanischen Denken völlig fremd war. Es hat in kurzer Zeit einen Umfang angenommen, der den Wirtschaftlern ernste Sorgen bereitet. Während der Handel sich auf diese Weise über die Absatzkrise hinweghilft, wird gleichzeitig die künstliche Drosselung des Notenumlaufes umgangen, und damit droht der letzte Damm einzustürzen, der noch gegen die Inflation errichtet ist. Es sind also mit dem amerikanischen Geschäft manche Schattenseiten verbunden, die am Ende sogar seine Vorteile aufwiegen könnten. Auf die Dauer wird man die Beschleunigung der Inflation nur dann aufhalten, wenn es gelingt, durch Produktionssteigerung die Preise zu senken. Aber die Frage der Erhöhung und Rationalisierung der Produktion ist nur durch eine Kapitalinjektion großen Stils zu lösen. Man wird sich entschließen müssen, das bisherige Mißtrauen gegen das ausländische Kapital fallen zu lassen. Das gilt nicht nur im Hinblick auf die Vereinigten Staaten, sondern mehr noch für andere, traditionelle Partner der spanischen Wirtschaft, unter denen Deutschland mit an erster Stelle steht. Gerade die Bundesrepublik kann die berechtigte Erwartung hegen, daß bei einer bevorstehenden Liquidierung des Enteignungsproblems ein Ausgleich für vergangene Verluste gewährt wird, der am zweckmäßigsten in einer bevorzugten Behandlung neuer deutscher Kapitalinvestierungen bestehen würde.