Nun, Herr Ben Gurion, jetzt ist Ihnen vielleicht klargeworden, wie widersinnig Ihre Theorie vom gewaltsam erzwungenen Frieden ist! Jetzt, wo sie von ägyptischen Truppen am heller, lichten Tage vollkommen aufgerieben worden sind, Ihre Räuberbanden, die mit den Waffen des gottesfürchtigen Westens und dem Kriegsmaterial der berühmten freien Welt über uns herfallen." Diese geradezu homerischen Schimpfworte veröffentlichte der ägyptische Minister Oberst Anwar el Sadat in der ägyptischen Presse nach der Schlacht im Grenzgebiet von El Audscha in der Sinai-Wüste, die von beiden Seiten als Sieg gefeiert wird.

Die erschreckende Ironie der Situation wird deutlich, wenn man sich erinnert, daß bisher auf beiden Seiten mit den, zum großen Teil aus England stammenden "Waffen des Westens" gekämpft wurde; denn die ersten Waffenlieferungen aus der Tschechoslowakei sind inzwischen zwar eingetroffen, dürften aber noch nicht einsatzbereit gewesen sein.

Hoffentlich läßt sich die Parallele zu den homerischen Helden nicht Weiterführen. Dort pflegte es ja so zu sein, daß man sich zunächst heftig beschimpfte, und wenn man dann richtig in Stimmung war, aufeinander losschlug. Es kann nun kein Zweifel mehr daran bestehen, daß in Israel – aber auch in Ägypten – die Elemente, die dem Schrecken ohne Ende ein Ende mit Schrecken bereiten möchten, in bedrohlicher Weise zugenommen haben. Ebenso steht fest, daß die bequemste und vielleicht sogar fairste Lösung für den Westen – sich aus den Streitigkeiten ganz herauszuhalten – auf die Dauer keine Lösung ist. Durch das russische Engagement im Nahen Osten wurde diese Situation nur unterstrichen, nicht herbeigeführt.

Die jüdisch-ägyptische Kontroverse ist so alt wie unsere Kultur (wie man in den Büchern Moses nachlesen kann); und die kritische Situation von heute läßt sich in gerader Linie wenigstens bis auf die Zerschlagung des Ottomanischen Reiches 1917 zurückverfolgen. Das englische Mandat, der Auszug der Engländer 1948, der jüdisch-arabische Krieg 1948/49, der Waffenstillstand, dem nie ein Friede folgte, 800 000 rebellierende arabische Flüchtlinge, unklar markierte Grenzen, wilder Haß, brennende Leidenschaften – eines kommt zum anderen, Knoten schlingt sich um Knoten in hoffnungsloser Konfusion. Nur in mühsamster und höchst undankbarer Kleinarbeit wird der Knoten gelöst werden können. Rechtfertigt das die defaitistische Stimmung, die sich in den Außenministerien der Westmächte breitzumachen scheint? Wäre fürs erste nicht schon viel gewonnen, wenn Gewaltakte verhindert werden könnten?

Noch jedes Aufflackern des Feuers um Palästina wurde bisher als "Grenzzwischenfall" deklariert. Und es ist ein positives Zeichen – das einzige Positivum der ganzen Situation –, daß sowohl die israelische als auch die ägyptische Regierung wiederholt und nachdrücklich versichert haben, sie setzten ihre Waffen nur zur Abwehr und Vergeltung ein. Sollte man nicht wenigstens ernsthaft versuchen, beide beim Wort zu nehmen? Denn keiner von beiden will oder kann es sich leisten, durch offene Provokationen den guten Willen der Großmächte zu verscherzen.

Die Waffenstillstands-Überwachungskommission des kanadischen Generalmajors Büros freilich müßte mindestens zehnmal so stark sein, um dieser Aufgabe gerecht werden zu können, denn sie muß im wesentlichen darin bestehen, die Grenzen deutlich zu markieren und als unparteiische Grenzpolizei dafür zu sorgen, daß aus den entmilitarisierten Zonen keine Truppenübungsplätze werden. Das wäre noch keine Lösung – aber es würde die wichtigste Voraussetzung für das langwierige Geschäft des Lösens sichern: Frieden. Falls es dazu nicht schon zu spät ist... Rudolf Walter Leonhardt