Die Größe des letzten Krieges, der sich über alle Kontinente ausdehnte, hat es mit sich gebracht, daß in 55 Ländern dieser Erde deutsche Soldaten begraben liegen. In 55 Länder dieser Erde müssen wir also am 13. November, dem Volkstrauertag, wenigstens in Gedanken reisen, wollen wir aller Toten gedenken.

Wenn wir der Opfer zweier Weltkriege gedenken – es sind allein fünf Millionen deutscher Soldaten –, so sollten wir dabei nicht vergessen, denen zu danken, die in unser aller Namen während langer Jahre voll selbstloser Arbeit versucht haben, den Gefallenen angemessene Gedenk- und Ruhestätten zu schaffen. Denken wir der alten Witwe Mama Lucia in Oberitalien, die von sich aus gefallene deutsche Soldaten aus unbekannten und unzugänglichen Höhlen barg und bestattete. Daß dies Bemühen einzelner die große Arbeit nicht allein bewältigen kann, ist verständlich. Wir alle sind verpflichtet, würdige Ehrenstätten für unsere Toten zu schaffen.

Schon nach dem ersten großen Krieg wurde in Berlin von Emmo Eulen der "Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge" gegründet, der es sich nicht nur zur Aufgabe machte, Ruhestätten für die Gefallenen anzulegen, sondern auch die Hinterbliebenen in persönlicher Weise unter Umständen die erste Nachricht vom Ableben eines ihrer Lieben zu vermitteln, nach ihren individuellen Wünschen die Gräber zu schmücken und ihnen Reisen zu den Gräbern zu ermöglichen. In der Folgezeit erwies es sich als günstiger Umstand, daß eine solche Organisation nicht auf amtlidier Basis stand, da man nun auf dieser privaten Ebene auch in den Ländern die Arbeit aufnehmen und mit ihnen verhandeln konnte, ohne daß unser Staat sie anerkannt hätte oder mit ihnen im diplomatischen Verkehr stand. Bei einer ganzen Reihe von Ländern (zum Beispiel bei denen hinter dem Eisernen Vorhang) ist dies heute noch der Fall. In einigen von ihnen ist es dem Volksbund ohnehin nur durch Vermittlung der Kirchen möglich, die Gräber wenigstens zu erfassen.

Dennoch bleiben viele Gräber vergessen, ja, unauffindbar. Ginster und Heckenrosen ziehen sich heute im Wildwuchs über Hunderte verwahrloster Gräber meist oberbayerischer Gebirgsjäger, die an der Peripherie des Krieges, in Narvik, ihre letzte Ruhestätte fanden. Erst nach langwierigen Verhandlungen – belastet durch die drückende Hypothek der Reminiszenzen aus den Besatzungsjahren – hat sich die norwegische Regierung bereit erklärt, die Umbettungen der 11 500 Toten zu geschlossenen Sammelgrabstätten vorzunehmen.

Auch die Gräber vieler Gefallener zwischen Elbe und dem Chinesischen Meer, auf dem Schlachtfeld von Stalingrad oder im Gefangenenlager von Kamtschatka, werden wir nie sehen können. Mißachtung der Würde eines Gefallenen und Pietätlosigkeit haben Befehle veranlaßt, die unendlichen Reihen der Totenhügel aufzureißen, glattzuwalzen und umzupflügen.

Nur 250 000 Gefallene des letzten Krieges liegen in der Bundesrepublik begraben, die Mehrzahl also außerhalb unserer Grenzen. Mit verschiedenen Ländern hat der Volksbund im Auftrage der Bundesregierung bereits Verträge abgeschlossen, die die Pflege und Erhaltung der Gräber auf Gegenseitigkeit zusichern. Die Sorgfalt und Hingabe, mit denen im Ausland unsere Soldatengräber von fremden Menschen betreut werden, beschämen manchen von uns um so mehr, je seltener er unserer Toten gedacht und je weniger er mit Spenden geholfen hat, die Pflege der Gräber zu unterstützen.

Viele der Gefallenen liegen – selbst im Tode noch nach Nationalitätsbegriffen klassifiziert, verfemt und ausgestoßen – zwar in den Grenzen der Gemeindefriedhöfe, aber dennoch abseits. So bei dem holländischen Dorf Lochern, wo die Namensschilder von den Betonkreuzen fallen und der Abfallhaufen für verwelkte Blumen und Kränze gleich daneben liegt, neben den Gräbern, die wie Lückenbüßer in das Unterholz zwischen die Bäume verstreut sind. Den traurigen Ruhm der größten Verwahrlosung wird aber jener Friedhof am Pas-de-Calais in Frankreich ernten, auf dem die Maulwürfe und der Wind die verwitterten Holzkreuze vollends umwerfen. Das wuchernde Gras wird nie von Menschenfuß zertreten.