Von Donald Abens

Kurt Friedrich König, von dem dieser Bericht handelt, ist ein Mann, der sich selbst als einen "Halb--Wissenschaftler" und "Halbkünstler" bezeichnet. Seine Ergebnisse in der Haustierzüchtung sind so frappant, daß wir sie unseren Lesern nicht länger vorenthalten wollen, um so mehr, als Herr König es jetzt für an der Zeit hält, die Resultate seiner Arbeit der Öffentlichkeit vorzustellen. Es ist zu bemerken, daß die wissenschaftliche Zoologie nicht überall mit Königs Ansichten übereinstimmt.

Daß Tiere und Pflanzen nicht in ihrer heutigen Form aus des Schöpfers Hand sind, weiß man, seit Charles Darwin 1859 sein Werk "Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampf ums Dasein" veröffentlichte. Die natürliche Zuchtwahl, der Kampf ums Dasein, das gilt für Wildtier und Wildpflanze. Das Prinzip bei den Haustieren und Zuchtpflanzen ist zwar dasselbe: Veränderung der Formen, Fortschritt; doch ist es hier der Züchter, der die Rolle der auslesenden Natur übernommen hat. Und gerade deshalb ist es bei den Haustieren – deren wesentliches Merkmal die Erblichkeit der Zahmheit ist – manchmal schwer, theoretisch die Kette zu rekonstruieren, die zu den gegenwärtigen Formen geführt hat.

In Rotenburg bei Bremen gibt es ein "Zootechnisches Institut", dessen Leiter Kurt Friedrich König schon mehrere Male mit seinen Zuchterfolgen Aufsehen erregte. Er ist "Konstrukteur" neuer Hunderassen. So wurde der Hovawart, ein heute anerkannter Rassehund, von ihm züchterisch "rekonstruiert", nachdem er längst ausgestorben war: König ließ den treuen Bärenburg unserer Vorfahren wiedererstehen. Er züchtete auch den Heimwart, oft auch Zollhund genannt, dessen außerordentliches Duftgedächtnis in Verbindung mit seinem ungewöhnlichen Suchtrieb ihn zum Schrecken aller Amateur- und Berufsschmuggler macht; er züchtete den Kobold-Maskott, einen besonders intelligenten Hund mit ebenfalls erblichen Eigenschaften und Merkmalen.

König hat sich von Kind auf ernsthaft mit Tieren beschäftigt. Er hat Zoologie, Biologie und Medizin studiert und war später Berater an zoologischen Unternehmen. Als Züchter ist er Autodidakt, denn als er sich diesen Beruf erwählte, gab es noch keine Vorbilder. Am meisten hat er mit Mäusen experimentiert: Aus drei Paaren einfacher Hausmäuse hat er mehr als 250 züchtbare Schläge und Rassen entwickelt. Es leben in seinem Institut Mäuse, die er seit 60, 80 und sogar 200 Generationen übersieht. Es gibt wahrscheinlich niemanden auf der Welt, dem ein solches Modell einer Stammesentwicklung zur Verfügung steht.

Gezüchtete Tierintelligenz führte er mir am Beispiel des "Kobold-Maskotts", einem pudelartigen Hündchen, vor. Er setzte die Maskotthündin "Atzel" vor sich auf einen Stuhl und hielt ihr beide Hände mit gespreizten Fingern hin. Hinter den Stuhl postierte sich eine Dame, deren Aufgabe es war, nach eigenem Ermessen abwechselnd je einen beliebigen Finger ihrer beiden Hände hochzuhalten. König konnte ihre Zeichen sehen, die Hündin nicht. Nach dem stets gleichen Kommando Königs: "Nun zeig, Atzel", legte das Tier seine Pfote auf den entsprechenden Finger Königs, 18 Versuche wurden gemacht, fünfmal tippte der Hund daneben.

"Sie sehen keine Dressur, kein Wundertier", sagte König, "Sie sehen nur einen Hund, dessen Feinfühligkeit züchterisch so gesteigert wurde, daß er seinen Herrn versteht und seine Wünsche unter Umständen erfühlt. Ich habe mir jedesmal gewünscht, was er tun soll. Dieses Experiment löst das Rätsel der rechnenden Wundertiere von Zirkus und Varieté."