In diesen Wochen geht in Westdeutschland die Diskussion um das Werbe-Fernsehen. Wir haben unseren Londoner Korrespondenten gebeten, über die englischen Erfahrungen zu berichten,

London, im November

Jetzt sind die wenigen treuen Anhänger des Tonfunks in England, die sich noch kein Fernsehgerät zugelegt haben, dafür wie noch nie zuvor gegerät worden: Am Abend des Staatsbudgets – der in England jedesmal ein großes Ereignis ist – war es bisher immer üblich gewesen, daß der Schatzkanzler vor einem Mikrophon der BBC den Rundfunkhörern die steuertechnischen Maßnahmen erklärte, die er am Nachmittag dem Unterhaus vorgelegt hatte. Diesmal aber stellte sich Schatzkanzler Butler vor die Fernsehkamera. Die Rundfunkhörer durften nur gewissermaßen den Horcher an der Wand spielen. Ihnen entging daher eine politisch bedeutsame Tatsache: Mr. Butler sah so gelassen und zuversichtlich aus, daß auch die Anklagen, die der sozialistische Ex-Schatzkanzler Gaitskell am nächsten Abend gegen ihn vorbrachte, dieses Bild gelassener Zuversicht nicht ganz wegwischen konnten.

Das Fernsehen gehört heute zum englischen Alltag, und nicht etwa nur in den Großstädten. Disraeli hat immer von den "zwei Welten" gesprochen; für ihn waren das "die Armen" und "die Reichen" – heute sollte man England vielleicht lieber in "Fernseher" und "Nicht-Fernseher" aufteilen. Die Trennungslinie wird mit jedem Tag deutlicher; besonders seitdem das Werbe-Fernsehen die Kinderschuhe der ersten Wochen abgestreift hat und verspricht eines Tages so groß und stark wie die BBC zu werden.

Man kann sich gar nicht mehr recht vorstellen, warum damals eigentlich die öffentlichen Debatten, die der Einführung des Werbe-Fernsehens vorausgingen, so leidenschaftlich erregt waren. Es war eine seltsame Auseinandersetzung. Der kleine Mann wollte kein Werbe-Fernsehen; was er wollte, war ein zweites Fernsehprogramm. Auch unter den konservativen Parteiführern hatte das Werbe-Fernsehen nur wenige Anhänger. Churchill, heißt es, habe ihm gleichgültig gegenübergestanden: Eden sei dagegen gewesen. Wer war dann aber dafür und setzte es durch? Nun, in erster Linie eine Gruppe von Fernsehgerät-Herstellern und Reklamefachleuten, eine Technokraten-Lobby. Sie machten die Geschichte den Konservativen schmackhaft durch das Argument: das staatliche Rundfunkmonopol der BBC verstoße gegen die grundsätzliche Einstellung der konservativen Partei. Nun verhält es sich in Wirklichkeit so, daß die BBC eine öffentliche Körperschaft ist, die, im Gegensatz etwa zu einer verstaatlichten Industrie, sich vollkommen selbständig und ohne jede direkte Kontrolle seitens der Regierung verwaltet. Aber solche wesentlichen Unterschiede wurden im Verlauf der Argumente erfolgreich verwischt.

Und dann – hatte die BBC nicht immer nach links tendiert? Bisher hatte davon zwar eigentlich noch niemand etwas bemerkt. Als aber die Behauptung einmal in Umlauf gesetzt war – ja, natürlich, da erinnerte sich dieser oder jener, schon manches im Rundfunk gehört zu haben, was gegen seine politischen Überzeugungen ging. Kurzum: Seit nun die BBC als "Monopol" verschrien war, konnte ihr niemand mehr helfen. Mit welch peinlicher, geradezu mathematisch registrierbarer Genauigkeit die BBC jahrzehntelang darüber gewacht hat, daß jede politische Richtung eine faire Möglichkeit hatte, am Mikrophon zu Wort zu kommen, wurde geflissentlich ignoriert.

Die Verteidiger der BBC blieben nun auch nicht träge; schließlich sahen sie in der Konkurrenz des Werbe-Fernsehens den Anfang eines Prozesses, der schließlich zur Auflösung der BBC führen müßte – "es ist nicht möglich, halbschwanger zu sein", wie es ein leitender Rundfunkmann formulierte. Es bestanden allgemein auch ernste Bedenken, ein so wichtiges Feld der öffentlichen Meinungsbildung wie das Fernsehen den Reklameleuten zu übergeben. Das müßte, so sagte man, unweigerlich zu einer Senkung des allgemeinen Niveaus führen.