Sowjetische Geheimpolizei hat, wie ein Sonderberichterstatter des Observer mitteilt, kürzlich zu einem neuen Schlag gegen die Juden der Sowjetunion ausgeholt. Hunderte wurden in Moskau, Leningrad und anderen Städten in einer einzigen Nacht aus den Betten geholt, ihre Wohnungen wurden durchwühlt, jüdische Literatur, besonders Werke in jiddischer Sprache, wurden beschlagnahmt, viele wurden verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Über ihr Schicksal ist nach guter bolschewistischer Manier nichts Näheres bekannt. Die Nachricht hat sich wie ein Lauffeuer in den jüdischen Gemeinden verbreitet. Das ist seit den Verhaftungen im August die zweite Welle. Schon kurz vor Stalins Tod 1953 schien es, als ob mit dem berüchtigten Prozeß gegen die Ärzte (die dann später rehabilitiert wurden) ein Progrom vorbereitet wurde.

Was der neue Schritt bedeutet, ist noch nicht klar. Vielleicht will der Kreml eine Propagandanachricht schaffen, die die arabischen Staaten überzeugen soll, daß er sich im Gegensatz zum Westen ganz auf ihre Seite stellt. Er hätte das um so nötiger, als das State Department entgegen einem TASS-Dementi die Meldung aufrechterhielt, sowjetische Staaten hätten auch Israel Waffen angeboten. Das Vorgehen der sowjetischen Regierung zeigt, daß ihre Methoden – skrupellos und doppelzüngig – sich seit der "Entspannung" wenig geändert haben. Sie scheut nicht davor zurück, zu diesem Zweck im Innern Masseninstinkte gegen einen wehrlosen Bevölkerungsteil aufzustacheln, Menschen ohne Grund, ohne Recht, ohne Achtung ihrer Würde zu verhaften, zu verschleppen und in Furcht zu halten. Mag sein, daß die bisherige Zahl von einigen Hundert bei diesem Regime gering erscheint. Aber wenn das Spiel mit Israel und mit den Arabern gelingt, so könnten die Opfer ganz andere Dimensionen erreichen. Jedenfalls ist es eine zeitgemäße Erinnerung für alle, die wähnen, die Politik der Entspannung, die für die Sowjets nützlich und gewinnbringend ist, habe in Moskau etwa auf einen Wandel der Gesinnung gewirkt. Z