Eine fast entmutigende Feststellung: Noch nie waren in der Bundesrepublik die Kartoffeln so teuer wie in diesen Wochen, die doch ansonsten überall im Zeichen des Kampfes gegen die steigenden Preise stehen! Kostete ein Zentner Einkellerungskartoffeln im vergangenen Jahr rund sieben Mark, so ist ihr Preis jetzt auf 10 DM gestiegen. Und wenn der Verbraucher es ablehnt, für diesen ungewöhnlich hohen Betrag nur winzig kleine Kartoffeln geliefert zu bekommen und größere in seinem Keller haben möchte, wird ihm zugemutet, noch einen Aufpreis von 1 DM je Zentner zuzulegen...

Welche Ursachen hat diese bedauerliche Preisentwicklung? Einmal war die Kartoffelernte in diesem Jahr infolge der von den Bauern verringerten Anbaufläche und auch auf Grund der Trockenheit im Sommer nicht so ergiebig wie im Vorjahr; sie liegt etwa um 1,3 Mill. t unter dem Ertrag von 1954. Andererseits haben die Landwirte den Schweinebestand gegenüber 1954 um 1,2 Mill. Stück vermehrt und daher für die Schweinefütterung einen entsprechend höheren Kartoffelbedarf. Es ist für sie preiswerter, die eigenen Kartoffeln zu verfüttern, anstatt Futtergetreide zuzukaufen, das durch Importabgaben künstlich verteuert wird.

Eine (vom Bauernverband) geforderte erhöhte Futtermittel einfuhr würde allerdings keinesfalls eine Preisregulierung für Kartoffeln bedeuten, weil dann wohl mehr, aber leider kein billigeres Futtergetreide vorhanden wäre, die Bauern also logischerweise bei der Kartoffelverfütterung bleiben würden. Der Krach, mit dem vor allem die Verbraucherverbände gegen die überhöhten Kartoffelpreise zu Felde zogen, zwang das Bundesernährungsministerium jetzt zur Freigabe von Kartoffeleinfuhren. Bedauerlicherweise dürften auch sie das Ziel, die inländischen Preise herabzudrücken, nicht erreichen. Für diesen Zweck hätte das Importventil früher und bei gleichzeitiger Beseitigung des "Kartoffelzolles" geöffnet werden müssen. Über diesen Einfuhrzoll ist es übrigens zu einem Streit zwischen dem Bonner Wirtschaftsministerium und dem Ernährungsministerium gekommen: im Ernährungsministerium ist man (aus Rücksicht auf die Landwirte) für die Beibehaltung des Zolls, im Wirtschaftsministerium (aus Gründen des Kampfes gegen die hohen Preise) möchte man dagegen den Einfuhrzoll gern senken oder sogar abschaffen.

Wer aus diesem Streit als Sieger hervorgehen wird, ist sehr, sehr fraglich. Im Zweifelsfall wird der Zoll wohl dann gesenkt werden, wenn der Frost Kartoffelverladungen unmöglich macht oder die in Frage kommenden Ausfuhrländer – Belgien, Holland, Polen, die CSR, Ungarn und Jugoslawien – nicht mehr interessiert sind, weil auch sie über keine besonders großen Kartoffelüberschüsse verfügen. Wenn auch der Krach über die Kartoffelpreise bisher keinen greifbaren Erfolg gebracht hat, so hatte er doch eine gute Seite: aus einer Erklärung des Deutschen Bauernverbandes ging hervor, daßauch die Handelsspannen eine Kritik verdienen: sie haben sich in diesem Jahr verdoppelt und verteuern auf ihre Weise den Zentner Kartoffeln allein um zwei bis drei Mark. Wer weiß, mit welchen Entschuldigungen die Kartoffelhändler diese "Sabotage" der Preissenkungsbemühungen des Bundeswirtschaftsministers wohl zu erklären versuchen... we.