h. k., Berlin

Im Frühjahr 1950 hatten Willi Bredel und Michael Tschesno-Hell als bewährte Altkommunisten den Auftrag vom Zentralkomitee der SED erhalten, das Leben Thälmanns zu einem Drehbuch zu verarbeiten. Fortan überwachte das Gremium der Staatspartei den Fortgang der Arbeit. Pieck und Ulbricht kümmerten sich vor allem darum, daß sie selbst im rechten Licht erschienen. Nicht weniger als acht Monate dauerten die Probeaufnahmen für die Besetzung der Hauptrolle. Gustav Knuth lehnte dankend ab; ein anderer Kandidat, Claus Holm, zog es vor, sich einen neuen Wirkungskreis in Westberlin zu suchen. Schließlich wurde der bis dahin unbekannte Schauspieler Günter Simon für die Verkörperung der Gestalt des ehemaligen KPD-Chefs auserkoren. Nachdem Thälmanns Witwe Rosa und das SED-Politbüro ihre Einwilligung gegeben hatten, übernahm er die SED-Paraderolle für 700 Ostmark Tagesgage und 2500 Ostmark Fixum. Ehe er dessen für würdig befunden wurde, mußte er aber noch in die SED eintreten.

Geld spielte keine Rolle. Allein der erste Teil des Streifens, der die Zeit vom Ende des ersten Weltkrieges 1918 bis zum Zusammenbruch des Hamburger Kommunistenaufstandes 1923 behandelte, kostete sechs Millionen Ostmark. Hinzu kamen 1,5 Millionen nur für Probeaufnahmen. Im März 1954 erlebte „Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse“ die Premiere. Eineinhalb Jahre vergingen, bis der zweite Teil der kolorierten Zelluloidbiographie, „Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse“, vollendet wurde, der jetzt in der Sowjetzone überall zu sehen ist. 34 Hauptdarsteller, 130 Mitwirkende in kleineren Rollen, viele hundert Kleindarsteller und mehrere tausend Komparsen, die gratis von der „Volkspolizei“ gestellt wurden, waren dafür 143 Drehtage, während denen man auch in Gorki in der Sowjetunion Außenaufnahmen machte, beschäftigt gewesen. Selbstverständlich war das nicht billiger als Teil eins.

Natürlich sind in diesem Film die Vertreter der Industrie und der SPD-Führung in die alte Schwarz-Weiß-Manier wiedergegeben. Gegen sie richtet sich die Agitation in erster Linie. Den einen wird vorgeworfen, sie hätten Hitler in den Sattel gehoben, den anderen, sie hätten die „Aktionseinheit der Arbeiterklasse“ verhindert. Für die antiamerikanische Note des Filmes sorgt ein Dollarkapitalist, der für Hitlers Machtübernahme ebenso verantwortlich gemacht wird wie Severing und der Gewerkschaftsvorsitzende Tarnow, die ebenfalls auftreten. Andererseits ist natürlich dann einzig der „glorreichen Roten Armee“ die Befreiung vom Faschismus zu verdanken.

Dem Hauptdarsteller Günter Simon gelingt es freilich genausowenig wie im ersten Teil des Filmes, aus dem Heldenidol Teddy – wie Thälmann populär genannt wird – einen Menschen aus Fleisch und Blut zu machen. Als wandelnder Lautsprecher des Agitators bewegt er sich statuarisch durch sämtliche Szenen, und aus seinem Munde kommen spruchbandartig nur kraft- und bedeutungsvolle Phrasen. Auch Wilhelm Pieck darf zweimal eine Rede halten: 1932 nach den Wahlen und 1944 über den Grabenlautsprecher der sowjetischen Linien. Walter Ulbricht (dargestellt durch einen Schauspieler, der im ersten Teil ausgerechnet die Rolle Paul Lobes spielte), spricht, wie es sonst gar nicht seine Art ist, in gewähltem Hochdeutsch nur einige wenige Sätze, erscheint dafür aber, entgegen aller historischen Wahrheit, als Initiator eines mißglückten Versuchs zur Befreiung Thälmanns aus dem Gefängnis. In Wirklichkeit hielt er sich damals nicht, wie es der Film zeigt, in Berlin auf, sondern als Chef der KPD-Auslandsleitung in Paris. Von dort ließ er die von anderer Seite vorbereitete Aktion vorzeitig abblasen, da ihm Thälmann als Märtyrer im Kerker für die Partei nützlicher schien und er in ihm auch ein unbequemes Hindernis auf seinem eigenen weg zur Macht loswerden wollte...