Wenn die Konjunkturdiskussion der letzten Wochen mit ihrer Vielzahl abweichender Meinungen und sich widersprechender Vorschläge mehr verwirrend als klärend zur Aufhellung der tatsächlichen konjunkturellen Situation und ihrer Probleme beigetragen hat, so ist dieses Fazit zwar bedauerlich, aber vielleicht doch verständlich. Denn die allgemeine Diskussion stand leider nur allzusehr unter dem Einfluß von Urteilen und Thesen, die mehr von Gruppen- und Sonderinteressen als allgemeinen Überlegungen diktiert wurden. Aber selbst für den unbefangenen "objektiven" Betrachter waren weder die konjunkturelle Lage noch erst recht nicht die aus ihr zu prognostizierenden Entwicklungstendenzen dazu angetan, ein sicheres diagnostisches oder womöglich prognostisches Urteil zu ermöglichen. Zu viele neue und alte Fragen (im neuen Gewande) waren aufgetaucht, die nicht im ersten Anlauf gelöst oder doch wenigstens auf einen einheitlichen Nenner gebracht werden konnten.

Trotz dieser mehr als bescheidenen Ausbeute der Diskussion, die letzten Endes auch in den vorerst noch wenig konkreten therapeutischen Vorschlägen und Absichten der Wirtschaftsführung ihren Ausdruck fand, ist jedoch inzwischen durch den Zwang der Fakten wenigstens ein gewisser Kristallisationspunkt der Meinungsbildung geschaffen worden, an dem sich auch die vielen abweichenden Urteile treffen und eine gemeinsame Basis finden können.

Das konjunkturelle Klima ist merklich kühler geworden. Diese Abkühlung zeigt sich zwar nicht etwa in der Entwicklung der Erzeugung des Sozialprodukts, die nach den bisher vorliegenden Daten – zumindest im Vergleich mit dem Vorjahr – weiter kräftig zugenommen hat, aber sie zeigt sich – und hier bereits zum Teil sehr drastisch – in der Verschlechterung jener allgemeinen Bedingungen, die bisher als stark expansive Faktoren zugunsten eines starken Fortschritts wirkten. Sie zeigt sich weiter darin, daß sich die Zunahme der Nachfrage im Bereich der gesamten industriellen Erzeugung im Vergleich zu den starken Übersteigerungen zu Beginn und in der ersten Hälfte dieses Jahres erheblich verringert hat. Die industrielle Gesamterzeugung ist andererseits gerade in der zweiten Hälfte dieses Jahres schneller als die Nachfrage nach industriellen Erzeugnissen gewachsen, und die Nachfrage liegt heute – im Gegensatz zur Situation in der ersten Jahreshälfte – nur noch um ein geringes über dem industriellen Gesamtumsatz. Aus diesen Entwicklungstendenzen eines rasch zunehmenden Angebots bei langsamer wachsender Nachfrage folgt aber, daß die allgemeine Preiskonstellation im industriellen Bereich in Zukunft eher unter Preisdruck als unter Preisauftriebstendenzen stehen dürfte. Auch unter internationalem Aspekt haben sich die Abkühlungstendenzen verstärkt; denn der Preisdruck auf den internationalen Rohstoffmärkten ist bereits fühlbar geworden, und gerade die bislang noch haussierenden Rohstoffe (Kupfer und Kautschuk) sind hiervon betroffen worden. Weitere Anzeichen sprechen dafür, daß die internationale Preisentwicklung in der nächsten Zukunft auf breiterer Front umbrechen und nach unten tendieren wird.

Das schnelle Wachstum der Erzeugung, die sich im Verlauf der diesjährigen Entwicklung offensichtlich sehr viel elastischer erwies, als ursprünglich erwartet, konnte jedoch auf der anderen Seite keineswegs jene partiellen Anspannungen beseitigen, die vor allem innerhalb der Bauinvestition, aber auch zum Teil bei den Ausrüstungsinvestitionen sichtbar geworden waren. Die starten Preissteigerungen innerhalb der Bauwirtschaft und die von den übersteigerten Bauinvestitionen schon auf Grund ihrer Schlüsselstellung innerhalb der Gesamtinvestition ausgehenden starken Impulse für die übrige Wirtschaft trugen wesentlich zu jener Vorstellung einer vermeintlichen Überhitzung der Konjunktur bei.

Daß dieses "overstatement inzwischen korrigiert und vor allem auch erkannt worden ist, daß nicht nur die private Wirtschaft, sondern gerade die öffentliche Hand an dieser partiellen Übersteigerung wesentlich mitgewirkt hat, erleichtert zweifellos die Therapie. Aber durch die mit Recht geforderte Einschränkung der öffentlichen Ausgaben im Investitionsbereich ist das Problem der richtigen Kräfteverteilung für den weiteren Fortschritt keineswegs gelöst; denn das Wachstum der Wirtschaft steht inzwischen bereits unter Bedingungen, die sich in vielen Punkten wesentlich von den bisherigen Aufschwungbedingungen unterscheiden. Zu den bereits gekennzeichneten Symptomen, die zwar nicht auf Erlahmung, aber eben doch auf Abkühlung hinweisen, sind weitere gewichtige Faktoren getreten, die besonders auf der monetären Seite das kontrahierende Element in dem Wechselspiel zwischen Anregung und Dämpfung stärker hervortreten lassen. Hierbei ist nicht einmal so sehr an die nicht nur für Westdeutschland, sondern für die gesamte westliche Welt in den vergangenen Monaten wirksam gewordene Straffung der Geldpolitik zu denken, sondern unabhängig von diesen restriktiven Maßnahmen der monetären Instanzen sind gerade in Westdeutschland auch vom Markt her dämpfende Kräfte ausgelöst worden. Die stark steigende Einfuhr bei langsam zunehmender Ausfuhr hat die Devisenüberschüsse dieses Jahres gegenüber dem Vorjahr erheblich verringert. Dieser Einschränkung eines expansiven Faktors stand und steht weiterhin die wachsende Stillegung öffentlicher, dem Geldkreislauf entzogener Mittel im Zentralbanksystem gegenüber. Der Liquiditätsstatus und damit der Kreditspielraum der Banken wurde so – unbeschadet der darüber hinaus erfolgten restriktiven Maßnahmen der Zentralbank – eingeengt. Der Refinanzierungsbedarf der Geldinstitute nahm zu, denn die Wirtschaft nahm weiter Bankkredite in steigendem Maße in Anspruch; erst neuerdings hat sich offenbar die Kreditausweitung etwas verlangsamt.

Der tendenziellen Versteifung des Geldmarktes folgte eine sehr merkliche Schwächung des Kapitalmarktes; auf den Aktienmärkten sind die Kurse beträchtlich zurückgegangen und der Kapitalzins zeigt wieder steigende Tendenz. Diese Wandlungen der Kreditmärkte tragen nicht den Stempel kurzfristiger Veränderungen, sondern dürften für die nächste Zukunft weiter bestimmend sein. Soweit sie nun tatsächlich einer Überforderung der Güterseite durch die Geldseite entspringen, ist die monetäre Kontraktion zweifellos berechtigt und notwendig; soweit sie jedoch den monetären Spielraum unterhalb der Grenze des an sich möglichen realen Wachstums der Wirtschaft halten, würde die monetäre Kontraktion zweifellos sehr prekäre Situationen schaffen; denn die Wirtschaft ist für die weitere Finanzierung ihres Aufschwungs nach wie vor überwiegend auf Bankkredite angewiesen.

Es wird daher keineswegs eine einfache Aufgabe sein, hier das richtige Maß zu finden. Die konjunkturelle Situation ist unter diesem Gesichtspunkt durchaus labil, das heißt, sie enthält sowohl alle Chancen für die Fortsetzung als auch nicht zu bagatellisierende Möglichkeiten für die Unterbrechung des bisher so starken Aufwärtstrends.