Kunststudenten im Streik

s. l., Berlin

Am gleichen Tage, an dem Westberlins Kultussenator die Berufung eines neuen Direktors an die Hochschule für bildende Künste bekanntgab, trat die neue Studentenvertretung der Kunsthochschule ihr Amt an. Berufen wurde Diplom-Ingenieur Carl Otto, der bisher Leiter der Werkkunstschule Hannover war. Kaum hatte er sich dem Studentenausschuß (AStA) und übrigens auch der Berliner Presse vorgestellt, als eine Namensliste von rund hundertzwanzig Studenten die Einberufung einer Studentenvollversammlung forderte, um zur Direktorenwahl Stellung zu nehmen. Das waren, bei fast allen sechshundert Kunstschülern, mehr als die erforderlichen fünfzehn Prozent, die den AStA zur Einberufung eines Studentenplenums nötigen. Es kam denn auch die für Kunststudenten phänomenal hohe Teilnehmerzahl von 364 Anwesenden zusammen, die ohne Gegenstimme, bei zwanzig Enthaltungen, die Wahl Ottos zum Direktor schlichtweg ablehnten. Um ihrer Haltung Nachdruck zu geben, beschlossen sie für den nächsten Tag einen vierundzwanzigstündigen "Warnstreik".

Mit Wort und Tat protestieren die Berliner Kunststudenten gegen ihren neuen Direktor, ohne ihn näher zu kennen. Gerade daß sie ihn nicht kennen, ist jedoch der Hauptgrund ihres Protestes. Sie haben unter dem Direktorium von Karl Hofer gearbeitet, einem Künstler von internationalem Ruf und Ansehen. "Wer aber kennt Herrn Otto?" fragt einer von ihnen und weist auf die Zeitungsartikel, die von Ottos Arbeit und Lebensweg berichten. "Daß man ihn der Öffentlichkeit erst vorstellen muß, macht ihn schon ungeeignet", fügt ein anderer hinzu und zitiert den Paragraphen sechs der Hochschulsatzung, nach dem der Direktor "ein Künstler von hervorragender Bedeutung" sein soll. Warum jetzt einen Mann, fragen sie, von dem man so wenig gehört hat?

In dem Bildhaueratelier, wenige Flure entfernt, beantworten drei Professoren diese Frage. Künstler der "jüngeren" Generation alle drei, das heißt um die "Fünfzig" herum. Sie sehen eine Seite des "Falles Otto" als Generationenproblem. Für sie wie für den 52jährigen Karl Otto fielen die Jahre, in denen ein Künstler gemeinhin zu Ruf une Ansehen kommt, in die Zeit des Dritten Reiches, in der gerade die Künstler, mit denen man heute die Lehrstühle der Kunstakademien besetzt sehen möchte, nicht öffentlich hervortraten. Die Großen aber, die in der Liebermann-Hofer-Tradition stehen könnten, die die Studenten so dringend gewahrt wissen möchten, sind kaum jünger als der verstorbene Direktor, oder sie lehnten rundweg ab. Man hat mit Beckmann und Baumeister verhandelt, die inzwischen verstorben sind, mit Meistermann, Mies van der Rohe und Mataré, keiner fand sich für den Posten bereit.

"Aber internationalen Ruf wenigstens sollte unser Direktor haben", erklärte ein Student "Ich bin wegen Hofer hergekommen, weil ich mir sagte, so ein Mann muß gleichrangige Lehrer nach sich ziehen". Ein anderer ergänzt: "Lieber einen Mann mit Namen, wenn er auch nicht mit Senat und Parlament um die Stipendien verhandeln kann! Soll er lieber etwas weltfern sein, nur kein Manager!"

Das ist entschieden zu weit gegangen, aber nun ist das Stichwort gefallen: Manager. Was gemeint ist, führt ein junger Plastikschüler aus, der bisher geschwiegen hat; nun redet er sich in Eifer: Dies soll eine Kunstakademie sein und kein "Bauhaus"! Den allgemeinen Drang zur angewandten Kunst, zu Zweckgebundenheit und industrieller Formgebung, möchte er aufgehalten, nicht verstärkt wissen. "Fragen Sie mich, ob ich den Künstler zum nützlichen Mitglied der menschlichen Gesellschaft erzogen sehen will, so sage ich umunwunden nein!"

Fast wörtlich die gleichen Bedenken werden im Professorenatelier geäußert, weniger resolut zwar und mit Erfahrung begründet. Hier jedoch glaubt man in Otto, dem Leiter der Werkkunstschule, den Mann gefunden zu haben, der die "Freien" frei sein läßt und die Kunsthochschule von der Verengung zur Kunstgewerbeschule fernhält. Verblüffend, daß gerade die "freien" Künstler den Mann, der sich in Architektur und industrieller Formgebung einen Namen machte, als Nachfolger Hofers befürworten. Es ist kein Geheimnis, daß sie zunächst einen der Ihren als Kandidaten stützten, den Bildhauer Karl Hartung, während eine Gegenpartei der Lehrerschaft, von der Berliner Presse nach vollzogener Wahl lautstark unterstützt, den Architekten Hans Scharoun als Hochschuldirektor sehen wollte. Nach Hartungs Verzicht präsentierte man Otto, der im Hochschulsenat mit fünf zu vier Stimmen gegen Scharoun gewann.

Kunststudenten im Streik

Die Wahl war eine autonome Entscheidung der Hochschule, die der Berliner Senat bestätigte. Die Berliner Presse, sonst stets auf die Autonomie freier Körperschaften bedacht, warf aus Enttäuschung über die Ablehnung des Berliners Scharoun zugunsten des Hannoveraners Otto dem Kultussenator vor, die Entscheidung der Professoren nicht rückgängig gemacht zu haben. Auch die Studenten nahmen an dem Wahlakt Anstoß, denn sie waren dabei nicht vertreten. Zwar haben nach der Hochschulsatzung die Studenten im Senat, der aus acht Professoren und dem Direktor gebildet wird, zwei Vertreter, jedoch nur für "die Studentenschaft betreffende Angelegenheiten". Personal- und Berufungsfragen des Lehrkörpers jedoch – so erklärt der Kultussenator nachdrücklich – gehören dazu nicht. Die Studenten sehen das nicht ein. "Der Direktor ist ja für die Studenten da und nicht für die Professoren", erklären sie, ohne freilich näher zu definieren, auf welche Weise und unter welchen Voraussetzungen ein Direktor am besten "für die Studenten da" ist.

Inzwischen hat sich der Lehrkörper einstimmig zur "vertrauensvollen Zusammenarbeit" mit dem neuen Direktor bereit erklärt. Otto, durch die Vorgänge unentmutigt, ist vonidem strittigen Posten nicht zurückgetreten, was ihm viele der Studenten als Schwäche, viele der Professoren als Stärke anrechnen. An dem Ergebnis der Wahl würde der Studentenprotest ohnehin nichts ändern, hatte Kultussenator Tiburtius bereits zu Beginn erklärt.