Man hat sich heute daran gewöhnt, Politik und Wirtschaft als zwei selbständige, in bestimmten Fällen sogar austauschbare Partner zu betrachten. In der Tat spricht vieles für diese Denkweise: Die Entscheidungen über die politische Integration Europas ließen sich durch begrenzte wirtschaftliche Versuchsanordnungen überbrücken. Die industrielle Verwertung der Atomenergie ist in Europa darauf angewiesen, daß der andere Partner, "die Politik", beizeiten aus seiner Reserve abgerufen werden kann, um die notwendige Basis für diese neue technisch-wirtschaftliche Entwicklung zu schaffen. So wird im Zeichen des Fortschritts der Schwarze Peter hin- und hergeschoben. Die Bedeutung des spezialisierten Fachmanns wächst nicht zuletzt deshalb, weil er – um bei unserem Bilde zu bleiben – den Schwarzen Peter am schnellsten weiterreichen kann und daher am wenigsten in die Gefahr gerät, ihn am Schluß in der Hand zu behalten. Jede Bemühung ist daher zu begrüßen, politische und wirtschaftliche Entwicklungsphänomene nicht nur in ihrer wechselseitigen Bedingtheit, sondern auch in ihrer Einheit und gemeinsamen Verantwortlichkeit zu sehen.

Der einzelne ist heute allerdings angesichts der Fülle der Aspekte und Materialien kaum mehr in der Lage, diese Betrachtungsweise konkret durchzuführen. Die Aufgabe einer "politischen Ökonomie", wie sie Friedrich List forderte und leistete, wird sich heute nur noch in gemeinsamer Arbeit der aufgeschlossenen und kompetenten Vertreter ans Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Verwaltung erfüllen lassen.

Um ein Forum zu schaffen, das diesem Vorgebot entspricht, ist zu Beginn dieses Jahres die Friedrich-List-Gesellschaft unter dem Namen "List Gesellschaft" neu begründet worden. (Den engeren Vorstand bilden: Generalkonsul Krauel als Vorsitzer, Professor Salin als Schriftführer und Direktor Dr. Siebert als Schatzmeister.) Die alte Gesellschaft, die sich nach zehnjährigem Bestehen 1935 dem Zugriff der Machthaber durch Selbstauflösung entzog, hatte in der verhältnismäßig kurzen Zeit ihrer Tätigkeit internationale Anerkennung gewonnen. Unter der Leitung von Bernhard Harms – der als Begründer des Weltwirtschaftlichen Instituts in Kiel und als bedeutender Anreger seiner Zeit selbst ein legitimer Nachfolger Friedrich Lists war – vertrat sie den Gedanken der "politischen Ökonomie" in den aktuellen Fragen der Zeit. Es gelang ihr, Fragen des Reparationsproblems, Zusammenhänge von Kapitalbildung und Besteuerung und die Probleme einer dirigistischen Agrarpolitik so weit zu klären, daß eine politische Entscheidung oder eine gesetzliche Regelung auf dieser Basis möglich war. Die Gutachten, die hierfür erstattet wurden, ebenso wie die Protokolle der Konferenzen, sind großenteils veröffentlicht und stellen in ihrer Folge von sieben Bänden ein Zeugnis dieser Tätigkeit dar. Nicht zuletzt aber hat die alte Gesellschaft dem Manne, dessen Namen sie trug, durch eine Gesamtausgabe seiner Werke ein bleibendes Denkmal gesetzt.

Die wenigen überlebenden Vertreter der alten Friedrich-List-Gesellschaft haben verhältnismäßig lange gewartet, bis sie eine Neubegründung anregten, um die alte Tradition aufzunehmen und fortzusetzen. Wahrscheinlich ist es vor allem dieser Geduld und einer intensiven Vorbereitung zu danken, daß bald nach der Eröffnungsfeier im Juni dieses Jahres in Reutlingen (mit einer bedeutenden Festansprache des Bundespräsidenten) ein umfangreiches und profiliertes Arbeitsprogramm vorgelegt werden konnte. Neben der Edition einiger interessanter Materialsammlungen und einer Geschichte der alten Friedrich-List-Gesellschaft, die bereits vorbereitet worden sind, will die Gesellschaft vor allem die Fragen der europäischen Integration und der wirtschaftlichen Nutzung der Atomenergie untersuchen. Für beides scheint uns der Zeitpunkt richtig gewählt – allerdings aus entgegengesetzten Gründen.

Die Fragen der Integration begegnen heute einer zunehmenden Resignation und Apathie, einer Müdigkeit, die vielleicht nicht schädlicher als der allzu unbelastete Optimismus der Anfangsjahre wäre, wenn sie sich nicht auch lähmend auf die sachliche Diskussion der Probleme auswirkte. Hier ist jeder Auftrieb willkommen. Vor allem fehlt es an einer Stelle, wo sich Experten aus den europäischen Staaten zu Untersuchungen zusammenfinden können, ohne daß bereits politische oder gouvernementale Vorentscheidungen oder Wünsche* maßgebend sind. Diese Gelegenheit will die List-Gesellschaft bieten.

Die Debatte über die wirtschaftliche Nutzung der Atomenergie ist dagegen noch kaum eröffnet. Grundlegende Fragen – wie die völlig neuen industriellen Standortmöglichkeiten, die sich ergeben werden – sind bisher nur selten angeschnitten worden. Es entsteht damit die Gefahr, daß wiederum ein neues Stadium der industriellen Entwicklung unter ausschließlich technischen Prämissen eingeleitet wird, obwohl sich die politischen, ökonomischen und soziologischen Gefahren bereits deutlich genug abzeichnen. Die List-Gesellschaft will versuchen, konkrete Vorschläge zu einer sinnvollen Steuerung dieser Entwicklung auszuarbeiten. Gerade in dieser Frage ist eine rechtzeitige Sammlung und Zusammenschau der vielfachen, teilweise äußerst komplizierten fachlichen Probleme dringend notwendig, wenn der blinde Glaube an die unumgängliche "Eigengesetzlichkeit" der Technik nicht neuen, unheilvollen Auftrieb erhalten soll.

Der Erfolg der List-Gesellschaft wird davon abhängen, ob es ihr ebenso wie ihrer Vorgängerin gelingt, die aufgeschlossensten Menschen aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens zu gemeinsamer Arbeit zu vereinigen. Die Initiative ist da – es bleibt zu wünschen, daß sich in der Gesellschaft jene konkrete Phantasie und jene "Wachheit für das Werdende" entwickeln, die der Bundespräsident in seiner programmatischen Festansprache forderte: "Wird Lists Name wieder als Symbol gesetzt, dann liegt in diesem Beispiel die entscheidende Rechtfertigung." P.