Der aus Ostdeutschland stammende, jetzt, in Hamburg lebende Erzähler Siegfried Lenz hat nach einem nicht gerade glücklichen Literaturausflug nach Afrika („Duell mit dem Schatten“) heimgefunden in den Osten, wo schon sein erster Roman (wenn auch nicht in Ostpreußen, sondern in Finnland) angesiedelt war. Er hat heimgefunden nach Masuren:

So zärtlich war Suleyken. Masurische Geschichten. 169 Seiten, Zeichnungen im Text und Initialen von Erich Behrendt. 14,80 DM. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg.

Und dabei ersteht eine höchst eigentümliche, eine mit Kultur gesegnete und von der Zivilisation verschonte kleine Welt: eine Welt des Essens und Trinkens, des Wettens und des Jagens; eine Welt, bevölkert von Kahnschiffern und Marktweibern, von Schmugglern und – nein! von Dieben nicht; sagen wir lieber: von Schlaumeiern! Das sind sie eigentlich alle, diese Figuren, wenn sie dem Zirkuszauberer den aus der Weste eines Zuschauers hervorgezauberten Hasen wegreklamieren, oder wenn sie die Bestohlenen zum Festschmaus laden, wo eben das Diebsgut aufgetischt wird, oder wenn sie – in der köstlichsten dieser Geschichten – einen Jäger, um den Hirsch zu retten, dermaßen täuschen, daß dieser schließlich mit den Worten, hier könne man seinen Augen nicht mehr trauen, beutelos abzieht. Daß ein Schelm sich mitunter auch einmal ins eigene Fleisch schneidet, oder, wie in der siebenten Geschichte, die Hälfte des Frosches verspeisen muß, mit dem er den andern hereinlegen wollte: auch das ist in Masuren bekannt, genau wie die Tatsache, daß einem echten Schelmenstreich eine gehörige Portion Lebensweisheit innewohnt, was insbesondere Hamilkar Schaß, einmal auf militärischem Posten, ein andermal in großer Konferenz, beweist.

Vom Klamauk bis zur Gruselgroteske, von der dörflichen Liebesidylle bis zum Makabre-Komischen mißt Lenz diese Welt aus, indem er nicht ihre Geschichte, sondern ihre Histörchen erzählt – gut erzählt, so daß uns nicht einmal gelegentliche Manierismen aus diesem Phantasieparadies verscheuchen können. Und so bliebe nur noch zu vermerken, daß dieses Buch, zumal es nicht die masurische Geographie, sondern die masurische Seele zum Gegenstand hat, gerade jenen wie geschenkt kommen müßte, die nicht mehr mit Leib und Seele in den Dörfern jener Landschaft, aber immer noch in ihrer Erinnerung darin wohnen. Herbert Eisenreich