Zum erstenmal seit sieben Jahren habe ich ein Heim, zum erstenmal freie Arbeit. Ich weiß nicht, ob Sie begreifen, was das bedeutet." Der Mann, der mir das sagte, Michael A., ist Russe, Flüchtling aus Khazan, blond und mit einem guten Gesicht. Er sprach langsam, als er seine Geschichte erzählte, nicht, weil die deutsche Sprache ihm Schwierigkeiten machte – er hat sie in drei Jahren Kriegsgefangenschaft recht gut gelernt –, aber weil die schwere Zeit, die hinter ihm liegt, an seinen Kräften zehrte.

Er war achtzehn, als er 1941 als Sowjetsoldat an die Front kam. Vor Moskau wurde er gefangen, nach dem deutschen Zusammenbruch kehrte er in die Heimat zurück, ein Jahr lang als Soldat, dann als Elektriker in einem großen Werk. Aber die Berührung mit Europa, selbst unter so trüben Umständen wie denen einer Zwangsarbeit im Dritten Reich, hatte ihn für die graue Öde des bolschewistischen Alltags verdorben. 1947 flüchtete er, wurde in der Tschechoslowakei aufgegriffen und zu 25 Jahren Sibirien verurteilt. Von dort entkam er im letzten Herbst. Sechs Monate schlug er sich nach Westen durch, indem er nachts wanderte und sich tagsüber versteckt hielt. Dann wurde er monatelang von den Amerikanern im Lager befragt und überprüft. Jetzt ist er frei. Er hat als Dreher bei den Kiesserling- und Albrecht-Werken am Birkenweiher in Solingen Arbeit gefunden, und bis er eine eigene Wohnung findet, hat das Flüchtlingsheim Flamerscheid ihn aufgenommen. Das ist Neubeginn eines menschlichen Lebens, und Michael A. ist, das spürt man, hoffnungsvoll und nahezu glücklich.

Es ist ein freundliches Privathaus, dieses Heim, das in der vergangenen Woche eingeweiht wurde, halb versteckt im Wald und eingebettet in grüne Hügel. Die American Friends of Russian Freedom, eine private Gruppe, haben es aus Mitteln des United States Escapee Program, des amerikanischen Hilfsprogramms für Flüchtlinge aus der Sowjetunion, eingerichtet. Vertreter der amerikanischen Botschaft, aber auch der Bundesregierung, des Landes Nordrhein-Westfalen und der Stadt Solingen nahmen an der Feier teil, denn die deutsche Mitarbeit an der gemeinsamen Aufgabe ist von besonderer Bedeutung.

Für vierzig Männer hat das Heim Raum. Es ist nicht als Daueraufenthalt gedacht; wer eine feste Arbeit gefunden hat, soll so rasch wie möglich private Unterkunft erhalten. Die deutschen Behörden gewähren jede Unterstützung. Man hofft, auf diese Weise etwa 200 Flüchtlinge im Jahr der deutschen Wirtschaft zuzuführen.

Es gibt heute etwa 13 000 sowjetische Staatsangehörige in Deutschland, dazu rund 79 000 Polen, 23 000 Balten und 51 000 Staatenlose. Über 30 000 wohnen noch in Lagern. Der größte Teil aber ist durch deutsche Hilfe bereits integriert. Diese Leute haben Arbeit und Wohnung erhalten, sie genießen feste Rechte – durch das Gesetz über heimatlose Ausländer von 1951 sind sie den Einheimischen bis auf einige politische Rechte gleichgestellt.

Die Russen, mit denen ich sprach, versicherten, sie seien von den deutschen Arbeitskollegen gut aufgenommen worden. Wichtig wäre es, daß sie auch Freunde und Familien finden, die ihnen in der Freizeit den menschlichen Umgang vermitteln, durch den erst ein fremdes Land zur neuen Heimat wird. Sicher gibt es Deutsche, die selbst als Gefangene in Rußland von der Bevölkerung Gutes erfuhren und die bereit wären, heute den Schicksalsgenossen aus diesem Volk ihrerseits beizustehen.

Nicht alle, die aus den sowjetischen Staaten flüchteten, mögen nur um der Freiheit willen gekommen sein. Andere Gründe spielten mit. Aber sie alle erwarten etwas von dem neuen Leben, das anders ist als der Zwang eines Systems, welches ihnen mit der erbarmungslosen Starrheit befohlenen Arbeitens, Lebens und Denkens zugleich die Last eigener Entscheidungen abnahm. Oft müssen sie erst lernen, daß die Freiheit nicht nur ein Geschenk ist, sondern auch Forderungen stellt: die Selbstverantwortung, die Suche nach dem Arbeitsplatz, die freie Gestaltung des Lebens und unabhängiges Denken. Hier ist eine Aufgabe, für die wir alle, als einzelne und in der Gesamtheit, eine Mitverantwortung tragen.