Zur Kur in Bühlerhöhe – Ein Nocturno und ein Histörchen

Von Jan Molitor

Als ich zum ersten Male nach Bühlerhöhe kam, lag eine Krankheit vor und ein dringender Rat der Internisten, hierher zu gehen und nirgend anders hin. Ich sah die Mauer, die das Gebiet des Kurhauses und des Sanatoriums von der Schwarzwald-Hochstraße trennt, fand das Tor und fuhr auf dem asphaltierten Weg in den Waldpark hinein. Dabei fühlte ich mit tiefer Niedergeschlagenheit, es sollte – da ich schon einmal wider meinen Willen hier sei – schon gleichgültig sein, ob ich jetzt für Wochen und Wochen abgesperrt von aller Welt sein oder gleich samt dem Auto hinunterstürzen müßte, hoch von der Bühlerhöhe hinunter ins tiefe Tal von Bühl.

Über dem Torbogen des Kurgebäudes, das dicht am Abhang liegt, las ich: "Vielen zur Genesung / Einem zum Gedächtnis" und wurde neugierig – nicht auf die "Vielen", die genesen, sondern auf den "Einen", der im Gedächtnis bleiben sollte. Ich sah das Tor gekrönt von einem ritterlichen Wappen und das Hauptgebäude gegenüber verziert durch einen sehr künstlichen Adler, der die Schwingen breitete. Ich fuhr im Innenhof um eine runde Rasenfläche herum, in deren Mitte ein runder Brunnen steht, verschönt durch die Figur meines Knaben, der einen Fisch unterm Arm trägt. Ein livrierter Boy erschien. Es erschien eins Schwester und sagte: "Sie haben Fieber."

Sie gaben mir in einem Seitenflügel ein Zimmer zur ebener Erde. Eine halbgeöffnete Glastür zeigte ein Stück Tannenwald, der vor Feuchtigkeit tropfte, und ein Beet mit leuchtenden Tulpen. Nach Tagen glaubte ich, daß ich nie im Leben etwas Schöneres gesehen hätte als diese vom Bett aus mit den Blicken erreichbare Farbkomposition: Tannengrün und Tulpenrot. Ab und an kam eine Schwester und richtete – immer im richtigen Augenblick – die Kissen, so daß ich fand, gerade darin könne eine geheime Pflegekunst liegen. Im übrigen hörte ich nichts als den Regen und abends gelegentlich die Stimme eines Zimmernachbarn, der mit kräftigem westfälischem Akzent irgendwohin telephonierte; wahrscheinlich sprach er mit seinem Büro, von dem ein Anfall von Managerkrankheit ihn entfernt hatte.

Eines Nachts stieg das Fieber. Die Schwester kam und sah alle meine Bettdecken auf dem Fußboden liegen. "Schuld hat Herr Grollmann", sagte ich. – "Herr Grollmann?" Die Schwester wischte mir mit einem Tuch über die Stirn und setzte sich geduldig nieder. Ich erklärte ihr also den Fall, so gut ich konnte. Mein Zimmernachbar hatte telephoniert, während ich einschlief, und dabei einige Worte laut und erregt hervorgestoßen, so daß diese Satzfetzen mir, dem Einschlafenden, ins Unterbewußtsein gerutscht waren.

Der Kampf mit Grollmann