Von Friedrich Hansen-Löve

Vor einiger Zeit starb Wiens Erzbischof KardinalDr. Theodor Innitzer. Einen Tag nach seinem Tode stürzte knapp über dem Leopoldsberg und Kahlenberg bei Wien ein jugoslawisches Verkehrsflugzeug ab. Wieder einen Tag später pilgerten tausende Wiener zur Bahre des toten Kirchenfürsten; nicht weniger Menschen sind am selben Tag hinaus in den Wiener Wald gefahren, um die Spuren des grausigen Verkehrsunfalls zu besichtigen.

An diesem Tage also wurden in Wien zwei ganz verschiedene Einstellungen zum Tode offenbar. Die eine, ältere, ja älteste, erblickte im Toten einen Repräsentanten einer höheren, gültigeren Wirklichkeit; für die andere ist der Tod, die Todesstätte, ein Nervenkitzel oder Anlaß zum Gruseln. Der Tod und die Gefahrenzone werden als Faszination erlebt. Der Tod als Repräsentanz – und der Tod als Faszination: das sind Grenzmarken, an denen man die Demarkationslinien der Moderne erkennen kann, wie überhaupt die Einstellung einer Zeit zum Ereignis des Todes mehr über diese Zeit aussagt, als Konsumgewohnheiten und soziale Verhaltensweisen. So sprechen zum Beispiel Angehörige der älteren Generation noch immer von einer "schönen Leiche", und sie drücken damit nicht etwas Unerlaubtes oder Anstößiges aus. Sie umschreiben damit vielmehr das Verlangen nach einem friedlichen, guten, gelungenen, christlichen – also schönen Sterben. Wer gut stirbt, soll auch schön begraben werden. Der Tod wird so ein gesellschaftliches Ereignis, das im Leichenschmaus seinen Ausklang findet. Da sieht man in manchen ländlichen Gegenden, wo die Gesetze und Vorstellungen der älteren Welt noch gelten, oft recht heitere Zechgelage nach feierlichen Leichenbegängnissen. Die Trauergäste scheinen noch zu wissen oder zu ahnen, daß der Tod nichts Endgültiges, sondern bloß ein Übergang ist.

Für jüngere Menschen dagegen hat die Feststellung: das sei eine "schöne Leiche" gewesen, etwas Peinliches. Das bedeutet nicht, daß wir das Sterben etwa ernster nehmen, im Gegenteil: wir nehmen den Tod so wenig ernst, daß wir gar nichts mehr von ihm wissen wollen. Wir weichen dem Tode aus. Wir verbannen ihn in die hygienisch umhegten Bezirke unserer Krankenhäuser. Wer erlebt noch den "zivilen Tod" eines nahen Verwandten oder eines Freundes? Unter Hunderten gibt es kaum mehr einen, der wirklich das Sterben auch nur eines Menschen miterlebt hat. Wir kennen den Tod nur als Katastrophe, als Verkehrs- und Betriebsunfall oder als Massensterben im Kriege.

Daher kommt es, daß der Tod als etwas Anstößiges empfunden wird, als etwas, das verdeckt, verborgen werden muß. Von ihm offen zu sprechen, gilt als unanständig. Gewisse Krankheiten, zum Beispiel der Krebs, werden im gesellschaftlichen Umgang gar nicht beim richtigen Namen genannt. Man schafft so eine Zone, die nicht minder tabuiert ist als im vorigen Jahrhundert das Geschlechtsleben.

Daß der Tod und das Sterben im heutigen Gesellschaftsleben genau die Stellung einnehmen, die früher die Liebe eingenommen hat, darauf hat jüngst erst der englische Soziologe Geoffrey Gorer hingewiesen. Er spricht von einer "Pornographie des Todes" und meint damit jene Einstellung, die im Reden über den Tod, in seiner Dar- und Schaustellung etwas Unsittliches und Unschickliches sieht. Ein guter Teil der zeitgenössischen Literatur, so meint Gorer, sei bereits Todes-Pornographie. Man kann hier zum Beispiel auf eine bestimmte Art des modernen Kriminalromans hinweisen, in dem das Sterben brutaloffen (also pornographisch) dargestellt wird.

Damit verwandt ist ein bestimmter Stil von Illustrierten, in denen der Tod nackt beschrieben wird. Der Tod im Kriege, der Tod von Henkershand, die Massenhinrichtungen von Gefangenen, das Massensterben in Katastrophen, Morde oder ganz bestimmte Krankheiten werden so offen und direkt gezeigt, daß dem Beschauer das Gruseln kommt oder die Schamröte ins Gesicht steigt.