Von Willy Wenzke

Mit einer leichten Besorgnis wird in der Industrie, bei der Bank deutscher Länder, den Außenhandelsorganisationen, der Bundesregierung und auch bei den Länderregierungen der Wandel in der Außenhandelssituation der Bundesrepublik registriert. Für das 3. Quartal 1955 ergab sich insgesamt ein Passivsaldo von 9 Mill. DM. Damit war die westdeutsche Handelsbilanz zum ersten Male seit dem 4. Quartal 1952, in dem besondere Umstände vorübergehend zu einem stärkeren Anziehen der Importe geführt hatten, für ein ganzes Vierteljahr passiv. Das heißt: Die Einfuhren haben die Ausfuhr überrundet, es gab also im Außenhandel der Bundesrepublik einen spürbaren Wetterumschlag.

Wir Bundesrepublikaner hatten uns schon daran gewöhnt, daß unsere Handelsbilanz (zumindest seit 1952) aktiv war. Nachdem im vergangenen Jahr sogar ein Ausfuhrüberschuß von 2,7 Mrd. DM erreicht werden konnte, waren wir alle des Lobes voll über die vorbildlichen Exporterfolge unserer Außenwirtschaft. Als dann aber der Außenhandel im Januar und Februar dieses Jahres nur eine verhältnismäßig geringe Aktivität auswies und – nach einer nochmaligen Steigerung im März – im April sogar erstmals mit 7 Mill. DM passiv war, erhoben sich pessimistische und warnende Stimmen. Man merkte plötzlich, daß auch im Außenhandel die Bäume nicht in den Himmel wachsen...

Nun hat sich die Passivität unserer Handelsbilanz in den Monaten August und September noch verschärft, und zwar belief sie sich im August auf 30 Mill. und im September auf 12 Mill. DM. Mit 2,1 Mrd. DM wiesen die Importe im September übrigens einen neuen Höchststand auf. Nach Ansicht der BdL muß noch mit einer weiteren Zunahme der Einfuhren gerechnet werden, weil erfahrungsgemäß der stärkste Anstieg der Einfuhren stets in das vierte Vierteljahr fällt. Das Emporschnellen der Importe heißt aber nicht, daß etwa unsere Ausfuhren stagnieren oder gar rückläufig sind: der Exportanstieg ist nur geringer geworden. Während die Einfuhren in den ersten neun Monaten um 31 v. H. höher waren als in der Vergleichszeit des Vorjahres, stiegen Westdeutschlands Exporte lediglich um 17 v. H. Eine günstigere Entwicklung der Exporte der Bundesrepublik und Westberlins war angesichts der immer schärfer werdenden Konkurrenz der traditionellen Industrieländer überhaupt nicht zu erwarten. Der britischen Industrie ist selbst dieser geringe Anstieg noch recht unbehaglich. Mit Empörung wird an der Themse festgestellt, daß die Bundesrepublik der britischen Industrie selbst in ihren ureigensten Gefilden – dem Sterling-Block – den Rang abzulaufen beginne. Dies wird mit der Feststellung bewiesen, daß Großbritannien seine Exporte nach den Ländern des Sterling-Blocks nur um 11 v. H. steigern konnte; während der Export aus Westdeutschland um 30 v. H. zunahm. Zum Glück richtet sich die britische Angst nicht allein gegen "made in germany" –, die USA erhöhten ihre Ausfuhrennach dem Sterling-Raum um 22 v. H., und die Japaner sogar um 63 v.H. In Großbritannien ist man trotzdem recht optimistisch; es wird nämlich erwartet, daß sich der Wiederaufbau der Wehrmacht als Handicap für den bundesrepublikanischen Export auswirkt.

Wo liegen nun die Ursachen, daß die Einfuhren in diesem Jahr beinahe doppelt so stark angezogen haben wie im vergangenen Jahr? Ausgangspunkt war das Bestreben, auf dem Wege über Liberalisierung, Vereinfachung der Einfuhrverfahren und Zollsenkungen eine möglichst weitgehende Rückkehr zum freien Welthandel zu erreichen. Diese die Einfuhr befreienden Maßnahmen trafen in der Bundesrepublik mit einer Zeit der allgemeinen konjunkturellen Aufwärtsentwicklung zusammen.

Das Erreichen gewisser Kapazitätsgrenzen in der Produktion zwang zwecks Sicherstellung des steigenden Bedarfs zu höheren Einfuhren. Hinzu kam, daß Rüstungsbeschränkungen in einigen Ländern des Westens Produktionskapazitäten freistellten, die mit ihren Erzeugnissen bei verstärktem Preisdruck auf den Markt kamen. Im Hinblick auf das Emporschnellen der industriellen Produktion hat die Bundesrepublik in erster Linie einen steigenden Importbedarf an Rohstoffen, Halbfabrikaten und Vorerzeugnissen. An der Spitze rangieren Kohle, Erz, NE-Metalle und Holz. Gestiegen aber sind ebenfalls die Importmengen an Gemüse und Obst als Ausdruck der stetigen Anhebung des Lebensstandards. Andererseits sind Unternehmen der verschiedensten Exportbranchen dazu übergegangen, das risikoreichere Exportgeschäft durch das zur Zeit leichtere Inlandgeschäft abzulösen.

Zur Frage der Rückwirkungen der Binnenmarktkonjunktur auf die Entwicklung des Exports bemerkt die BdL, daß die Aufrechterhaltung des Anteils der westdeutschen Ausfuhr an der Weltausfuhr ernsthaft gefährdet sein würde, sofern die Übernachfrage an den Binnenmärkten anhalten sollte und besonders dann, wenn unter dem Einfluß dieser Übernachfrage und der mit ihr verbundenen Tendenz der Lohnerhöhungen die Preise steigen würden. Damit wäre der deutsche Export nicht nur durch die wachsende Konkurrenz der Binnennachfrage, sondern zusätzlich noch durch eine nachteilige Entwicklung der Wettbewerbsrelationen beeinträchtigt. Den Ausweg aus diesem Dilemma sieht die Bank deutscher Länder allein im Maßhalten in der inneren Expansion.