Was ein Stierkampf in Spanien, ein Füßballspiel in England – ist in Italien die Oper. Wir reden hier natürlich nicht von der Mailänder Scala oder von San Carlo in Neapel, sondern vom großen Volksfest "Aida" in der römischen Arena von Verona. Was sag’ ich: Volksfest? Es ist ein Kampfspiel, das Endspiel um irgendeine Meisterschaft zwischen den dreißigtausend Menschen in der altrömischen Arena und den von vieltausendkerzigen Scheinwerfern angestrahlten Sängern da unten auf der Bühne.

Wenn’s anfängt, brennen allerdings echte Kerzen, ebenfalls vieltausendfach. Man mag das Stimmungszauber oder sonst was nennen – niemand aber kann sich der Wirkung entziehen, wenn zu Beginn der Vorstellung die Scheinwerfer eingezogen werden und wie auf Kommando in den Händen der Besucher etwa zwanzigtausend Kerzchen aufflammen, kleinfingerlang und dünn, aber gerade so lange brennend, wie das Vorspiel dauert, das mit jener chromatisch ansteigenden sehnsüchtigen "Aida"-Geigenmelodie beginnt. Die Kerzen verlöschen, die Scheinwerfer strahlen auf, der Kampf beginnt...

Die Menschen im riesigen Rund, ein Monumentalmosaik aus abertausend lebendigen Farbtupfen, kennen die Regeln genau. Die Spannung wächst, als der Tenor mit vollem Atem das hohe "b" seiner Arie ansteuert "an trono vicino al sol". Alles beugt sich vor und starrt auf den einen buntgekleideten singenden Punkt da unten. Es ist, als ob der Rechtsaußen an der Seitenlinie durchgebrochen ist und den Ball zur Mitte flankt – da: ein tausendfaches Stöhnen geht durch das gewaltige Rund: der Sänger hat den hohen Ton nicht sicher gepackt, die Stimme flackert, der Mittelstürmer hat in aussichtsreicher Position den Ball knapp am Tor vorbeigeschossen ...

O weh, man lehnt sich enttäuscht zurück, diskutiert den Fall und interessiert sich nicht im geringsten für den Auftritt der königlichen Amneris. Das sind Plänkeleien im Mittelfeld. Da plaudern wir lieber, tauschen Erfahrungen aus, putzen den Babys die Nasen.

Aber jetzt bereitet sich ein neuer Angriff, vor. Aida ist da.

Trotz ihres Sklavenschicksals ist sie viel eleganter gekleidet als die Königstochter Amneris. Sie sieht aus wie Josefine Baker, nur ohne Bananenröckchen, und ersingt sich im Nu die Sympathie der Dreißigtausend mit einigen hohen Tönen, und schon hat sie den Kredit gewonnen, den der Tenor verspielte. Auf der Bühne setzt dann ein massierter Angriff ein: Hunderte von fackeltragenden Statisten strömen über den höchsten Rand der Arena (32 Meter, laut Bädeker), gruppieren sich zu einem Spalier, jubelnd von der Menge applaudiert; riesengroße Chöre ... Ballett ... großes Finale: Radames in grellbuntem Kostüm erscheint, von weiteren hundert Statisten flankiert; schließlich wälzen sich abermals Hunderte von äthiopischen Gefangenen, schwarz geschminkt und erbarmungswürdig kettenrasselnd über den Rand der Arena bühnenwärts. Schätzungsweise siebenhundert Personen gruppieren sich um den Königsthron. Klare Überlegenheit der Bühnenpartei. Etwa 3:1. Pause. Halbzeit. – Die Steinchen des enormen Mosaiks geraten in Bewegung; man redet sich in Hitze.

Ich stecke mir eine Zigarette an und versuche alla tedesca ebenso gründlich wie vergeblich dem Phänomen dieses Opern-Schau- und Kampfspiels näherzukommen.