In Deutschland sind die Freilicht-Opern vom ehemaligen Zoppot bis zum heutigen Augsburg immer romantische Verkleidungen des bürgerlichen Opernidols, haben nie diesen sensuellen – um nicht zu sagen erotischen common sense, der der unausgesprochene Kontrapunkt des jahrmarktlichen Opernsportes von Verona ist. Die singende Stimme lebt von Eros Gnaden, und ein Versagen hier gleicht einem Versagen dort. Deshalb die entspannte Befriedigung, wenn nach dem sportlich-erotischen Höhepunkt des hohen Tones die melodische Phrase in breiten Bögen abwärts gleitet. Lächelndes Genießen, "Lust am Untergang", vokales Elysium.

Der Umbau ist gleich beendet. Man schleppt Palmen in Originalausmaßen für den Nil-Akt auf die Bühne. Auch der originale Mond – er selbst, der Himmelsmond stellt sich aufs Inspizientenzeichen pünktlich ein. Die Scheinwerfer, die während des Umbaues die Zuschauer blendeten, werden zur Bühne gerichtet. Der dritte Akt beginnt.

Aida singt ihre große Arie mit silbrigem Schmelz und einer Süße, die die Zuschauermasse in vollkommener Stille erstarren läßt. Die erotisierende Verzauberung hält an, das Sportliche tritt zurück, bis plötzlich, als die zart melodische Linie der Singstimme auf dem hohen C endet, fast unerträglich für unsere gespannten Sinne, ein Beifallssturm losbricht, der den ganzen Schluß der Arie zudeckt und noch weit über Amonasros Auftritt hinaus anhält. Ich bin verstimmt über diese niederschmetternde Beifalls-Wucht, aber was soll es: C ist C, und der makellose Salto vocale muß gefeiert werden. Als schließlich Radames, trotz seiner Buntheit ohne nennenswerten Kredit, sich mit Aida im Duett vereinigt, spannt die Menge unbestechlich auf das bald fällig werdende hohe b-Ecco! Der sonst gar nicht schlechte Tenor schafft es wieder nicht ganz sicher. Das selbstherrlich Strahlende, der tenorale sex appeal fehlt, obwohl der Sänger sich so bunt und brav bemühte. Ein einzelner klatscht; vielleicht sein Agent oder ein milde gestimmter Deutscher auf der Hochzeitsreise. Prompt wird er kurz und energisch niedergezischt. Vox populi in rebus vocis.

Der Tenor stand immer abseits und kam nie zum Schuß. Schade. Dennoch stand das Spiel mit mindestens zwei Toren Unterschied klar zugunsten der Bühne, als ich nun etwas müde und verwirrt vor Schluß der Oper das summende Mosaik verließ.

Wer hatte gesiegt? Verdi? Kaum. Die Oper, die Show‚ die Artistik – oder doch der ewige Eros? Als ich durch,die leeren Straßen des nächtlichen Verona schlenderte, begleitet von den immer ferner werdenden Beifallswogen des noch andauernden Matches, begegnete es mir wie ein Spuk, wie eine Verzerrung: In den Cafés und Ristorantes, die so spät nach Mitternacht noch geöffnet waren, hingen lautlose Menschentrauben an Fernsehschirmen, gebannt von dem blassen, irrealen Spiegel des Arena-Zaubers, und noch in der Lautsprecher-Perspektive die Oper bewundernd, oder Verdi, oder die Artistik, oder was? – Bis zu meinem Quartier begleiteten mich die Gespenster der Lautsprecher – "o terro addio, addio valle di pianti" –, und eine einsame schwarze Katze begleitete mich auch; aber diese Anmerkung soll nicht symbolisch sein.

Vielleicht doch noch – wenigstens 1 : 0 – für Verdi? H. G.