Der Hamburger Bühnenspielplan – ein "Musée imaginaire"

Als Gustaf Gründgens 1934 die Leitung des Preußischen Staatstheaters übernahm, formulierte er als sein Programm: er werde sich bemühen, sein Haus so zu führen, daß jedermann zugeben müsse, hier werde "in Deutschland am besten Theater gespielt". Damit war deklariert, daß man keinen Avantgardismus erwarten solle und keine Bevorzugung lebender neuer deutscher Autoren. Denn um dieses Versprechen einzulösen, hätte Gründgens ja die junge Garde der NSDAP aufführen müssen – und ebendies wollte er vermeiden.

Es hat sich nun aber inzwischen gezeigt, daß die-, ses damals nur kunstpolitisch-taktisch gemeinte Programm einen starken Kern von rein künstlerischer Wahrheit enthalten haben muß. Wenn heute ein neu berufener Bühnenleiter nach seinen Absichten gefragt wird, kann er auch nur sagen, er wolle in seinem Haus "gutes Theater" spielen lassen. Denn wenn auch manche es noch nicht gemerkt haben oder nicht wahrhaben wollen: Es gibt in der Theaterpraxis keinen "Avantgardismus" mehr, keine "Moderne", kein waghalsiges Experimentier ren, keine Umstürze, keine Richtungsstreite. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern für überall, auch für die in den letzten Jahren neu hervorgetretenen dramatischen Dichter. Ist Christopher Fry "modern"? Sind Tennessee Williams, Arthur Miller oder William Inge "Avantgarde"? Ist Jean Anouilh (immer noch der jüngsten einer unter den Bedeutenden) ein Stürmer und Dränger?

André Malraux, der hellsichtigste Analytiker unseres Zeitalters, hat gezeigt, daß alle Kunst unserer Jahrzehnte ein Musée imaginaire ist, daß sie in sich das Kunstwollen allen Epochen und Kulturen spiegelt, von der jüngeren Steinzeit bis zu den heutigen Exoten, von der archaischen Antike bis zum Naturalismus des Fin de Siècle. Wie könnte das Theater davon eine Ausnahme machen?

Es konnte also nicht ausbleiben, daß jene Nachzügler der "Moderne", die sich sozusagen einen avantgardisme imaginaire zurechtträumen und grollen, wenn er nicht kommt – daß sie auf Gustaf Gründgens in dieser Richtung Hoffnungen setzten, als er das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg übernahm, und daß sie nun verdutzt sind, weil er weder einen "modernen" Spielplan macht noch in Regie-Experimenten exzelliert,. sondern wiederum kein anderes Programm zu haben scheint (und hat) als das, dramatische Werke, die es wert sind, aufgeführt zu werden, "richtig" aufzuführen.

Seit den Eröffnungsabenden mit "Wallensteins Tod" und der Uraufführung von Zuckmayers "Kaitem Licht" sah man an Gründgens’ Bühnen (übrigens ohne ihn als verantwortlichen Regisseur oder als Darsteller): Calderons von Wilhelm von Scholz ausgeführte mythologische Märchenskizze Über allen Zauber Liebe in einer allen Zauber des Barock entfesselnden Inszenierung von Heinrich Koch, Molières Tartuffe unter der glasklar psychologisierenden, alle burlesken Abstecher vermeidenden Führung des Berliners Willy Schmidt und Frank Wedekinds König Nicolo eine Präzisionsarbeit der Regie von Ulrich Erfurth.

In der Zusammenstellung der fünf Werke deutet sich an, was aus dem von Gründgens bewußt konservativ (aber nicht "restaurativ") geleiteten Haus zu erwarten ist: ein permanentes Kompendium des abendländischen Theaters in Aufführungen, die bestimmt sind, Maßstäbe der Interpretation zu setzen. Wedekinds tiefsinnige Jahrmarktsmär ergab geradezu ein Sinnbild dafür. Denn dieser Dramatiker, dessen früher oft so schnöde verkannte Größe erst jetzt allmählich sichtbar wird, hat ja als erster in Deutschland (noch vor Hofmannsthal) die Formen des älteren Theaters (im "König Nicolo": der venezianischen Komödie) aufgegriffen und sie in ernster Parodie zur spielerischen Verhüllung für tragische Lebensaussagen gewählt. Und wie herrlich konnte Werner Hinz Zug nach Zug an das Bild des königlichen Mannes setzen, der es versäumt hat, rechtzeitig mit seinem Pfund zu wuchern, und dem nun am Ende jedes Versuches, einen Ort im Leben zu finden, ein grausames "Zu spät!" entgegenschallt! Wie köstlich war die verschmitzte und unverletzbare Jugend der Königstochter, die mit ihrem Vater Elend und falschen Glanz teilt, bei Solveig Thomas aufgehoben!