Ein amerikanischer Gelehrter über den deutschen "Militarismus"

Von Gerhard Ritter

Das Problem des "deutschen Militarismus" ist immer mehr zum Gegenstand historischer Studien des Auslandes, besonders der angelsächsischen Länder, geworden. In Deutschland gehört es nicht nur zu den erregendsten Fragen der Tagespolitik, sondern steht zugleich im Mittelpunkt aller historisch-politischen Diskussion derer, die sich um eine "Revision des deutschen Geschichtsbildes" (und damit zugleich unseres nationalen Selbstbewußtseins) bemühen. Die Vorstellung von einem nicht erst durch Hitler erzeugten, sondern im preußischen Militärstaat von jeher vorwaltenden, seit Bismarcks Reichsgründung ganz Deutschland durchdringenden "Militarismus", der schon immer den Frieden der Welt bedrohte, hat den Verlauf der entscheidenden Konferenzen von Moskau, Teheran und Yalta und damit unser Schicksal ganz wesentlich mitbestimmt. Wir haben also dringenden Anlaß zu verfolgen, wie sich dieses Geschichtsbild in der ausländischen Geschichtsliteratur, soweit sie wissenschaftlich ernst zu nehmen ist, weiter entwickelt.

Die erste große Publikation in englischer Sprache, die 1953 über dieses Thema erschien, Wheeler-Bennetts "Nemesis der Macht", habe ich (aus Anlaß ihrer deutschen Übersetzung) in der "Frankfurter Allgemeinen" (20. April 1955) als einen "politischen Unglücksfall" bezeichnet, trotz ihres Wertes als umfassende Materialsammlung und trotz (oder gerade: wegen) ihres brillanten Stils. Ganz abgesehen von zahlreichen Irrtümern und Ungenauigkeiten im einzelnen wurde darin ein politisches Ressentiment sichtbar, das eindringendes Verständnis und gerechtes Urteil einfach unmöglich machte. Ein solches Buch konnte auf deutschem Boden nur erbitterten Protest wecken und mußte eben darum seinen politischen Zweck verfehlen – auch da, wo es wirklich heilsame und sachlich berechtigte Kritik an den Fehlern unserer Vergangenheit übte. Um so stärker und nachhaltiger dürfte die Wirkung eines neuen, diesmal amerikanischen Werkes sein, das die Gesamtgeschichte des preußisch-deutschen Heerwesens behandelt: die Studie Gordon A. Craigs über "Die politische Haltung der preußischen Armee 1640 bis 1945" (The Politics of the Prussian Army 1640–1945. Oxford, Clarendon Press 1955, 536 Seiten).

Craig, Professor für neuere europäische, besonders deutsche Geschichte an der Princeton University, gehört zu den besten Köpfen der mittleren Generation amerikanischer Historiker. Er ist ein ganz hervorragender Kenner seines Gegenstandes. Man liest dieses Buch als deutscher Historiker mit der höchst erfreulichen Feststellung, daß es zwischen ernsthafter Geschichtsforschung diesseits und jenseits des Ozeans offenbar keine trennenden Schranken zu geben braucht: hier ist nichts als fruchtbare Zusammenarbeit, gegenseitige Bereicherung und Belehrung, auch in der Durchdringung, Deutung und Erweiterung des Quellenmaterials. Dem Verfasser standen für seine Arbeit nicht nur die reichen Bestände amerikanischer Bibliotheken an deutscher historischer Literatur zur Verfügung (deren Vollständigkeit mich bei einem gelegentlichen Besuch in Princeton überraschte), sondern auch eine ganze Menge ungedruckten Quellenmaterials, das nach dem zweiten Weltkrieg längere Jahre als Kriegsbeute im Nationalarchiv, Washington, lagerte. Die Darstellung ist überaus flüssig geschrieben, klar und lebendig, voll eigener Beobachtungen und Durchblicke auch da, wo sie fremder Spezialforschung folgt, die der Verfasser vollkommen beherrscht und deren Ergebnisse er meisterhaft zusammenzufassen versteht.

Indessen: was hier interessiert, ist weniger die fachliche Leistung als die politische Grundhaltung des Buches. Sie ist erfüllt von ehrlichem Streben nach Erkenntnis der historischen Wahrheit. Der Verfasser will nicht anklagen oder verteidigen, sondern zunächst und vor allem verstehen. Allerdings, was er mit Hilfe dieser Heeresgeschichte verstehen will, ist nicht, was frühere Generationen der deutschen Historiker angezogen hat: wie Preußen-Deutschland mit Hilfe seiner Armee zur glanzvollen Höhe einer Großmacht emporstieg, sondern vielmehr wie es in ein so tiefes Unglück hineingeraten konnte, und wie weit etwa der Anteil reicht, den der deutsche "Militarismus‘ an dieser unseligen Entwicklung gehabt hat. Schon diese Fragestellung wird hartnäckige Nationalisten und "Militaristen" in Deutschland ärgern; aber sie ist höchst notwendig. Nur daß ihre Beantwortung in so vielfältige und komplizierte Zusammenhänge des deutschen Lebens hineinführt, daß hier eine allseits befriedigende Antwort gar nicht zu erwarten ist.

Die Macht der Generäle