Für den weiteren Aufbau der Deutschen Demokratischen Republik hat die Holzindustrie zur Verbesserung der Lebenslage und des kulturellen Lebens ausreichende Qualitätserzeugnisse herzustellen ..." Diese lapidare Feststellung leitet einen mehr als vier Seiten des Sowjetzonen-Gesetzblattes füllenden Beschluß der Pankower Regierung ein, der kürzlich veröffentlicht wurde. Allein die Tatsache, daß sich ein ganzes Kabinett mit der Erweiterung der Austauschproduktion für Holz und der vermehrten Einsparung dieses zweifellos wichtigen Rohstoffes befaßt, zeugt nicht gerade von einer sonderlichen Höhe des Aufbaues, wie ihn der erste Satz der Präambel begreiflich machen soll. Was der Regierungsbeschluß aber in seinen Einzelheiten offenbart, erinnert an die dunkelsten Zeiten Göringscher Vierjahresplanungen während der letzten Monate kurz vor dem Kriegsschluß. Daß unter anderem die Produktion von Hartfaserplatten aus Holz, Holzabfällen und Einjahrespflanzen erweitert und mit der Herstellung von Spanplatten als "tragendem Material für die Möbelproduktion" in großem Umfang begonnen werden soll, mag man vielleicht noch als Zeichen echter Sparsamkeit hinnehmen. Bedenklicher wird es schon, wenn Eisenbahn und Bergbau in Zukunft keine Vollholzschwellen mehr erhalten sollen, sondern sich mit "verleimten Normal- und Baggerschwellen" oder gar mit vorgespannten Stahlbetonschwellen begnügen sollen, wie sie schon seit Jahren auf etlichen Strecken der "Deutschen Reichsbahn" mit mehr Bruch als praktischem Erfolg verwendet werden. Den Holzmasten für das Fernsprech- und Elektrizitätsnetz wird der Kampf zugunsten von Betonmasten angesagt, und da in Zukunft kein oberhalb der Erde gewachsenes Holzstück mehr in Flammen aufgehen soll, muß das Ministerium für Land- und Forstwirtschaft zur Versorgung der Bevölkerung und der Industrie mit Brennholz der Staatlichen Plankommission einen "Plan zur Technisierung der Stubbenrodung und zur Bereitstellung von Stubben" vorlegen. Dem Ministerium für Leichtindustrie wird aufgegeben, alle in der Sowjetzone anfallenden Holzabfälle, darunter auch Baumrinden, Hobel- und Sägespäne, "zusammenzufassen und die Weiterverarbeitung unter Beachtung des wirtschaftlichen Einsatzes zentral zu steuern". Geradezu ein Hohn aber ist es, wenn dem Bergbau und der Bauindustrie vorgeschrieben wird, künftig (für Absteifungen und Rüstungen) Stempel, Kappen und Rohre aus Stahl zu verwenden. Stahl ist zwar sicher, aber Stahl ist in der Sowjetzone mindestens ebenso knapp wie Holz ...

Nach den bisherigen Erfahrungen wird man die vielen Vorschriften über die Abschaffung von Holz zweifellos in der befohlenen kurzen Frist befolgen, schon um nicht in den Verdacht der "Sabotage" zu geraten. Mit tödlicher Sicherheit aber ist nicht damit zu rechnen, daß die Austauschstoffe, sofern ihre technischen Eigenschaften überhaupt dem Verwendungszweck entsprechen, in ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Die Opfer dieses planwirtschaftlichen Leichtsinnes werden in dem angeblich von Arbeitern beherrschten Staat gerade die Arbeiter sein, die ohnehin am schwersten unter den sowjetisierten Methoden des Raubbaues zu leiden haben. Und wenn auch vom nächsten Jahr an Gebrauchsgüter, Lebensmittel und Rohstoffe für den Inlandbedarf möglichst nicht mehr in Holzkisten oder Verschlagen, die nur noch mit besonderer Genehmigung der Staatlichen Plankommission hergestellt werden dürfen, transportiert werden, so ist doch anzunehmen, daß die "Brigadezüge", die täglich Frankfurt (Oder) in Richtung Brest-Litowsk verlassen, ihre Fracht weiterhin hinter dicken Holzwänden unförmiger Kisten den profanen Blicken der am "weiteren Aufbau der DDR" unbeteiligten Bevölkerung entziehen werden.

Oder sollte das alles nur geschehen, um jeglichen Gerüchten den Boden zu entziehen, die Wirtschaft unter dem Pankower Sowjetstern befinde sich auf dem Holzwege...? gns.