Im vergangenen Sommer wurde er 75 Jahre alt. Dennoch weist sein Terminkalender ein Jahr im voraus schon Verpflichtungen auf, die ihm keine Krankheit erlauben. Paris und Genf, Wien, Rom, Stuttgart und Hamburg, London und Kopenhagen – das sind nur einige von Carl Schurichts Konzertstatiorien. Man überträgt ihm heute repräsentative Aufgaben, und auch die Schallplattenfirmen beeilen sich, Schurichts authentisch anmutende Interpretationen der klassischen und romantischen Musik noch festzuhalten. Denn dieser Dirigent gehört zu den letzten, in denen sich eine Tradition verkörpert. Einem jungen Kapellmeister dagegen gab Schuricht ten Rat: "Klassische und romantische Musik zu beleihen wie einen westfälischen Bauernhof und die moderne Musik zu verachten, weil sie weniger einbringt, scheint mir eine Feigheit erster Güte. Wenn Sie sich nicht in den Dienst der Kunst Ihrer Zeitgenossen stellen, hat Ihre Arbeit nur die Hälfte ihres Wertes."

Das Etikett eines Stars, der auf internationalen Podien paradiert, ist Carl Schuricht erst in einem Alter angeheftet worden, in dem man sich eigentlich zur Ruhe setzt. 1944 war die Gestapo hinter Schuricht her. Ernest Ansermet öffnete dem deutschen Kollegen die Schweiz, und von diesem Exil aus, in dem der spätere Ehrenbürger von Wiesbaden dennoch heimisch geworden ist, ging plötzlich der Stern eines reisenden Dirigenten auf.

Er selbst hatte vom Ethos des Interpreten eigentlich eine andere Vorstellung. Seit seinem 31. Lebensjahre war der Sohn eines Danziger Orgelbauers und einer Oratoriensängerin Generalmusikdirektor von Wiesbaden. Länger als drei Jahrzehnte hat er das Konzertleben dieser Stadt geformt. Durfte er nicht hoffen, dort auch seinen persönlichen Rang bestätigt zu sehen? Nach seinem eigenen Zeugnis hat Schuricht "das Beispiel der großen Meisterdirigenten bei der Arbeit erlebt: Nikisch, Weingartner, Schuch, Mottl, Richter, Muck, Mahl er, Steinbach, Mengelberg und Richard Strauß. Diese Berühmtheiten waren zum Teil seßhafte Interpreten, die sich ihr Orchester, ihr Publikum und ihre Jünger formten und nicht oft auf Reisen gingen." Heute ist das anders geworden. Wilhelm Sieben war noch nicht zu bewegen, seine Position als Generalmusikdirektor von Dortmund mit Berlin zu vertauschen. Das Musikleben einer einzigen Stadt war sein Lebenswerk Aber kaum hatte sich Sieben zur Ruhe gesetzt, da rutschte Dortmunds musikalischer Sonderrang wieder ab. In Wiesbaden dagegen erwarb Günter Wand als Schurichts Nachfolger in einer einzigen Saison eine Resonanz, um die sein Vorgänger viele Jahre hatte kämpfen müssen. Wand blieb wohlweislich Dauer-"Gast" von draußen. Er putzte auch im Orchester mit eingespielten Kölner Verstärkungen auf, was für einen Generalmusikdirektor alten Stils langer Hingabe bedurft hätte.

In Wiesbaden – man könnte heute einen beliebiden Städtenammen einsetzen – begriff man den Rang des eigenen Generalmusikdirektors erst, als Schuricht während der dreißiger Jahre ein ständiger Gastdirigent auch der Berliner Philharmoniker geworden war. Es gab einen Augenblick – Furtwängler führte einen heldenmütigen, aber für ihn ungewissen Kampf mit Goebbels und Hitler–, da galt Schuricht in Berlin als der einzige, dem man Furtwänglers Nachfolge damals hätte anvertrauen dürfen. An Jahren älter, dem Stil nach jünger als Furtwängler, schien Schuricht eine Brücke zu bilden: Seine geistig erfüllte Formgebundenheit vermittelte zwischen Furtwänglers genialem Subjektivismus und der damals nur musikantischen Sachlichkeit des meteorhaften Schillerers Herbert von Karajan

Über die beiden Pole großer Dirigierkunst, über Inspiration und Sachlichkeit, äußert sich Schuricht selbst: "Inspiration sollte kein Rausch sein, sondern eher einer Art Hellsichtigkeit gleichen." Aber auch Sachlichkeit, "die präzise Ausführung von Notenbild und Vorschriften, muß in das über persönliche Wesen des Werkes vorstoßen – weder Nachbildung von Fassaden noch Bloßstellung von Gefühlen an sich vermögen jenes Wesen zu greifen." Wer aber und wie greift man es? Schurichts Weisheit lehnt die Frage nach einer allgemeingültigen Interpretation ab: "Jedes geniale Werk ist nur Ausschnitt aus dem Unbegrenzbaren des Genius. Das hinter dem Werk Stehende muß selbst dem genialen Interpreten völlige Ausschöpfung versagen. Hierbei sollten große Interpreten sich bescheiden und getrost ihre edlen und reinen Gesichte von den Werken nebeneinander stellen. Die Zahl solcher Interpreten ist und bleibt ohnedies sehr klein." Max Pahl