Eine treffende Bezeichnung für die gegenwärtige Lage am Energiemarkt fand Bergassessor a. D. Hermann Reusch als Vorsitzer der Vereinigung Industrielle Kraftwirtschaft (VIK) auf der Jahrestagung dieser Vereinigung. Er meinte, zu den vielen nervösen Erscheinungen des politischen und wirtschaftlichen Lebens käme auch noch eine "energiewirtschaftliche Nervosität" hinzu, die vor allem durch eine Art von Atompsychose mit einer Flut sensationell aufgemachter Berichte geschürt werde. Es sei zwar nicht zu bezweifeln, daß die Atomenergie ein wichtiger Faktor im Energiehaushalt vieler Länder zu werden verspricht, aber es sei ebenso selbstverständlich, daß die strukturelle Änderung, die die technische Seite der Atomenergie mit sich bringe, ein jahrzehntelanges langsames Hineinwachsen in die Industriewirtschaft der Gegenwart notwendig mache.

Wenn die Bundesrepublik in Zukunft eine gesicherte Energieversorgung haben wolle, dann müsse endlich ein umfassendes energiepolitisches Programm erarbeitet und danach verfahren werden. Diese Forderung, die auf der Jahrestagung des VIK erhoben wurde, heißt nichts anderes als den Schritt in eine großräumige Energieplanung zu tun. Es geht nicht mehr an, daß künftig Öl oder Kohle, Gas oder Strom für sich allein ohne überregionale Abstimmung miteinander in der Energiewirtschaft tun oder lassen, wie sie es für richtig halten. Gegenseitiger Erfahrungsaustausch, gegenseitige Absprache und der Einsatz der jeweils richtigen Energie am richtigen Objekt sind notwendig und erfordern eine über gebietliche Koordination der Energieerzeuger. Wir möchten sogar noch weitergehen und sagen, daß über den Raum der Bundesrepublik hinaus die Energiefragen supranational erfaßt und erörtert werden sollten, um gemeinsame Richtlinien für die verschiedenen nationalen Energieprogramme zu erarbeiten.

Die Bundesrepublik hat die stärkste Zuwachsrate im Verbrauch an Primärenergie 1949 bis 1955 gehabt. Während für die Welt eine jährliche Zuwachsrate zwischen 2 und 3,5 v. H. errechnet wurde, liegt diese in der Bundesrepublik bei 6,64 v. H. Der Verbrauch an Primärenergie, alles auf Millionen Tonnen Steinkohleneinheiten bezogen, stellte sich 1950 (1954) bei Steinkohle auf 89,8 (112,2), bei Braunkohle auf 25,3 (30,4), bei Mineralöl auf 5,9 (13,7), bei Torf und Holz auf 3,2 (wieder 3,2), bei Wasserkraft auf 2,4 (2) – zusammen auf 126,6 (161,5) Mill. t Steinkohleneinheiten. Dabei ist Braunkohle im Verhältnis 3:1, Mineralöl im Verhältnis 1:1,5, Torf im Verhältnis 1:0,3, Holz im Verhältnis 1:0,26 auf Steinkohle umgerechnet.

Auf der Tagung kam zum Ausdruck, daß die Bundesrepublik noch weiterhin energiewirtschaftlich im Zeitabschnitt der Kohle bleiben werde, daß die Kohle aber ihrerseits alles daransetzen müßte, ihr unzureichendes Mengenängebot zu steigern. Die Licke zwischen Energiebedarf und Energieverfügbirkeit werde sich zwangsläufig vergrößern – und damit die Nervosität erhöhen –, wenn man tatenlos der modernen Entwicklung gegenüberstehe und nur zusehe. Mit Recht wurde auf der Tagung darauf verwiesen, daß die Verfügbarkeit über verwertbare und ausreichende Energiequellen den mationalen Wohlstand gewährleiste und darüber hinaus "auch andere Dinge von großer Bedeutung" sichere, während andererseits die Abhängigkeit von ausländischen Energiequellen und Energielieferungen auch eine Abhängigkeit auf anderen als nur energiewirtschaftlichen Gebieten zur Folge habe.

Zur Strompreisfrage stellt der Verband als fachlicher Repräsentant der energiewirtschaftlich interessierten Gruppen der industriellen Wirtschaft der Bundesrepublik fest, daß in 1954 die mittleren Strompreise um etwa 2,9 v. H. gesenkt werden konnten (Haushalt, Gewerbe und Landwirtschaft), Insgesamt hatten die Stromwerke in 1954 dank einer Absatzerhöhung um 23 v. H. eine Mehreinnahme von rund 800 Mill. DM zu verbuchen. Die Industrie vertritt die Auffassung, daß das Preisniveau für aus dem öffentlichen Netz bezogenen Industriestrom relativ und absolut zu hoch ist. Der stetig wachsende Strombedarf erfordere billigere Energie. Dazu heißt es: "Die öffentliche Stromversorgung ist auf Grund ihrer Ertragslage durchaus in der Lage, dem Letztverbraucher niedrigere Preise einzuräumen. Die öffentliche Stromversorgung steht erfreulicherweise in ihren maßgeblichen Kreisen selbst auf dem Standpunkt, daß insbesondere nach dem Auslaufen der Abschreibungsmöglichkeiten nach § 36 und der damit erwarteten Vergrößerung der Überschüsse eine Überprüfung der Strompreise möglich ist. Aus Bilanzen der Stromversorgungsunternehmen ist zu entnehmen, daß sogar bis zu 39 v. H. des Erlöses aus dem Stromverkauf zu Sonderabschreibungen nach § 36 IHG verwandt wurden." Wir erinnern in diesem Zusammenhang an unseren Kommentar in Nr. 28 vom 14. Juli ("Sie wollen nicht"), in dem wir zum Ausdruck brachten, daß die öffentliche Stromwirtschaft zwar die Preise senken könnte, es aber eben nicht wolle. Die VIK-Tagung bestätigte erneut diese Sachlage. rlt.