Am 11. November 1855 ist Sören Kierkegaard gestorben, ohne daß die Öffentlichkeit von seinem Tode mehr Notiz nahm, als sie von seinem Leben genommen hatte. Jetzt, nach hundert Jahren, hat sein Name ein Maximum an Öffentlichkeit erreicht. Keine Funkanstalt in Europa, die nicht dieses Tages ausführlich gedacht hätte, mit Vorlesungen aus seinen Schriften (die ja auch wirklich durch die lebendige Stimme viel stärker zur Geltung kommen als beim stummen Lesen), mit Deutungen, Analysen und aktuellen Bezügen. Auch im Kölner Funkhaus des NWDR hatte man, wie es sich gebührt, ein Nachtprogramm für diesen Tag vorbereitet. Professor Wilhelm Weischedel, der Berliner Philosoph, gab ein Porträt des beunruhigenden Dänen, und Gert Westphal, dieser luzide Sprecher, ließ das grausame und atemberaubende Abenteuer von Kierkegaards Entlobung aus den Texten der Tagebücher als große Dichtung hörbar werden. Nur wird mancher, der gewohnt ist, am Freitagabend das NWDR-Nachtprogramm zu hören (es sind nachweislich immerhin einige hunderttausend Hörer), und am Freitag, dem 11. November, zu Kierkegaards hundertstem Todestag sein Gerät einstellte, die Sendung verpaßt haben. Sie hatte nämlich auf den Donnerstag verlegt werden müssen – weil am 11.11. um 11 Uhr 11 abends (jener Minute, in der die Dokumente von Kierkegaards tragischer Selbstzerfleischung im Nachtprogramm ihren Kulminationspunkt erreichten) die Eröffnung der Kölner Karnevalssaison den Hörern der NWDR-Mittelwelle auch in Flensburg und Braunschweig offenbar nicht vorenthalten werden sollte. Warum hat der Verfasser des "Begriffs der Angst" auch am falschen Wochentag sterben müssen!

Donnerstag, 17. November, 20 Uhr vom NWDR Hamburg:

Das Monstrefest für Millionäre, das vor zwei Jahren der Marquis de Cuevas bei Biarritz veranstaltete, ist der Rahmen für Siegfried Lenz ironisches Hörspiel "Das schönste Fest der Welt" geworden. In der Produktion der neuen Fassung sprechen Richard Münch den Gastgeber, Heinz Reincke und Ludwig Linkmann die "zwei Männer aus dem Dorfe".

22.15 aus Frankfurt: Georg Philipp Telemanns Kantate "Landlust" und sein Konzert für Viola und Orchester. – 22.10 vom NWDR Hamburg: "Politik – nicht ohne Kunst" ist das Motto der 28. Folge von Josef Müller-Mareins Sendereihe "Die Lieblingsmusik des Herrn X". – 23.15 vom NWDR Köln: Zum 80. Geburtstag Maurice Ravels die "Chansons Madegasses" für Sopran, Flöte, Cello und Klavier: danach Frühwerke von Strawinskij (Gesänge nach japanischer Lyrik, "Katzenwiegenlieder" und Stücke für Klavier vierhändig). – 23.15 vom SWF: Die Flötensonate, Chorlieder und das 6. Streichquartett von Paul Hindemith.

Freitag, 18. November, 20 Uhr aus Bremen:

Tschaikowskij hatte Partitur und Stimmen zu seiner Oper "Die Zauberin" vernichtet, als das Werk in Petersburg und Moskau durchgefallen war. Nachdem der Dirigent Karl Elmendorf auf einem Bücherkarren in Barcelona zufällig einen Klavierauszug fand, hat das Werk – Radio Bremen überträgt es aus dem Theater am Goetheplatz – einen festen Platz in den Opernspielplänen erobert.

20.00 aus München: Rudolf Albert leitet ein Symphonie-Konzert mit Werken von Ravel, Mendelssohn und Cherubini. – 20.00 aus Frankfurt: Otto Matzerath dirigiert ein öffentliches Symphonie-Konzert mit Hindemiths Symphonie "Mathis der Maler" und dem (von André Gertler gespielten) Violinkonzert von Peragallo. – 22.10 vom NWDR Hamburg: Im Nachtprogramm berichtet Klaus Colberg über eine der letzten Hypothesen zur Verfasserschaft von Shakespeares Werken: die "Oxford"-Theorie. –