Es gibt keine kirchliche Vorschrift, die besagt, daß der Papst gehalten sei, auf der Höhe des Wissens und der weltlichen Bildung seiner Zeit zu stehen. Wirklich ist auch unter den geschichtlich bedeutenden Päpsten die Zahl der universell Gebildeten und der selbständigen Denker auf anderen Gebieten als denen der Theologie oder des Kirchenrechts nur gering: Gregor der Große etwa, Silvester II. (der Lehrer und Freund Kaiser Ottos III.) – und dann, im Herbst des Mittelalters, die glänzende Humanistenerscheinung Enea Silvio Piccolominis, der als Papst den Namen Pius (II.) annahm – den gleichen, den auch der gegenwärtige Inhaber der Cathedra Petri trägt. Er, Pius XII., ist wieder ein solch universeller Geist, allen weltlichen Erkenntnissen aufgeschlossen und mit jener Reife und Selbständigkeit des Urteils ausgestattet, die ihm ermöglicht, die Stellung des katholischen Christen in der so bedrohlich gewandelten Welt von heute unbefangen zu prüfen und aus der Fülle der Tradition lebendige neue Erkenntnis auszusprechen.

Das Buch, in dem jetzt, nach dem Text in den vatikanischen Archiven, seine Ansprachen und Rundschreiben zusammengestellt sind –

Der Papst sagt. Lehren Pius’ XII. Herausgegeben von Michael Chinigo. Übertragen von Cajetan Freund. – Verlag Heinrich Scheffler, Frankfurt am Main, 368 S., 24 Tafeln, 16,80 DM,

wird für viele eine Überraschung sein. Denn die kurzen Zusammenfassungen päpstlicher Reden, die durch die Presse mitgeteilt werden, können keine Vorstellung von der Gedankenarbeit geben, die Pius XII. auf jede öffentliche Äußerung wendet, auch wenn sie nicht "ex cathedra" erfolgt, sondern sich an katholische Vereinigungen, an Versammlungen oder an Besucher des Vatikans richtet. Erst hier, in den ausführlicheren Auszügen, tritt die Denkerpersönlichkeit dieses Papstes in ihrem sorgsamen Abwägen, ihrer weisen Entschiedenheit, ihrer intensiven Durchdringung aller Fragenkomplexe hervor, die das moderne Leben dem Führer der Kirche aufdrängt. Da ist nichts von jenem Unfehlbarkeitston, der den Eindruck zu erwecken sucht, daß alle Fragen schon gelöst seien, nichts von dem Anspruch, die ganze Wahrheit unverlierbar schon zu besitzen – kurz, nichts von den Allüren, die man im Auge hat, wenn man sagt, jemand spräche "ex cathedra". Gerade den katholischen Christen mag oft die Versuchung anwandeln, an wissenschaftliche, kulturelle oder soziale Probleme mit einem von vornherein überzeugten Dogmatismus heranzugehen. Nicht jeder katholische Schriftsteller hat sich jenen echten Skeptizismus zu eigen gemacht, den wir in Pius XII. Ansprache an die Päpstliche Akademie der Wissenschaften vom April dieses Jahres finden: "Wenn die Naturwissenschaft verpflichtet ist, ihren Zusammenhang zu suchen und sich dabei von der gesunden Philosophie beeinflussen zu lassen, so darf diese sich jedoch niemals anmaßen, die Wahrheiten bestimmen zu wollen, die ausschließlich in das Gebiet der Erfahrung und der wissenschaftlichen Methode gehören. Denn nur die Erfahrung, im weitesten Sinne verstanden, kann anzeigen, welches in der unendlichen Mannigfaltigkeit der Größen und der möglichen Gesetze des Stoffes die sind, die der Schöpfer tatsächlich hat verwirklichen wollen."

Und – um ein anderes Beispiel herauszugreifen – nicht von jeder katholischen Filmprüfstelle strahlt so viel Sinn für die Möglichkeiten seelischer Hygiene aus, die in der filmischen Kunst liegen, wie in der Ansprache des Papstes an die Vertreter der italienischen Filmindustrie vom Juni dieses Jahres: "Der ideale Film ... ist zugleich leicht und tief, voll von Phantasie und Wirklichkeit. Er versteht es, in die sauberen Regionen der Kunst und der Freude mitzureißen, so daß der Zuschauer am Schluß den Saal verläßt, froher, freier und innerlich besser als bevor er dort eintrat; wenn er in diesem Augenblick dem Filmhersteller oder dem Verfasser oder dem Spielleiter begegnete, würde er es nicht unterlassen, vielleicht freundschaftlich, vielleicht im Schwung der Bewunderung und der Dankbarkeit sie anzusprechen, wie wir selbst in väterlicher Weise ihnen danken würden im Namen so vieler Seelen, die besser wurden." Kann sich de Sica ein schöneres Kompliment wünschen?

Der Bereich der Fragen, zu denen der Papst sich äußert, ist so umfassend wie das moderne Leben selbst: Ehe, Familie und Liebe, Mode, Heldentum und Moral des Arztes, Atomforschung, Fernsehen und Gewerkschaftsbewegung, Technik, öffentliche Meinung und Ostkirche. Aber jede der Fragen ist vom Grunde her durchdacht.

Dazu ein letztes Beispiel. In seiner Ansprache an die Mikrobiologische Vereinigung St. Lukas hat Pius XII. im November 1943 – auf dem Höhepunkt des Luftkrieges – die folgenden Sätze zu jenen gesagt, die den Begriff einer christlichen Physik oder Chemie "als absurd und als eine Schimäre zurückweisen", weil nach ihrer Meinung "die Herrschaft der exakten und experimentellen Wissenschaften sich außerhalb der religiösen und ethischen Bereichs ausdehnt". "Auch Physik und Chemie, die gewissenhafte Fachleute dem Wohl und Vorteil der Einzelmenschen und der Gesellschaft dienstbar machen, können in der Hand verderbter Menschen Mittel und Werkzeuge der Verderbnis und des Untergangs werden."

Diese Worte wurden anderthalb Jahre vor Hiroshima gesprochen. C. E. L.