Von Walter Lowrie

Zum 100. Todestag des großen dänischen Denkers veröffentlichen wir ein Kapitel aus der soeben bei Eugen Diederichs, Düsseldorf, erschienenen Biographie Kierkegaards (13,80 DM) des amerikanischen Autors Walter Lowrie.

Da aber geschah es, daß das große Erdbeben eintrat, die fruchtbare Umwälzung, die mir plötzlich eine neue, unfehlbare Regel aufzwang, wie die Erscheinungen samt und sonders auszulegen seien. Da ahnte ich, daß das hohe Alter meine: Vaters nicht ein göttlicher Segen war, sondern vielmehr ein Fluch, und die ausgezeichneten Geistesgaben unserer Familie nur dazu geschaffen waren, damit wir einander gegenseitig aufrieben. Da fühlte ich die Stille des Todes wachsen um mich als ich in meinem Vater einen Unglücklichen erkannte, der uns alle überleben mußte, ein Totenkreuz auf dem Grabe all seiner eigenen Hoffnungen, Schuld mußte auf der ganzen Familie lasten; ein göttliches Strafgericht mußte über sie verhängt sein; sie mußte verschwinden, ausgestrichen werden von Gottes mächtiger Hand, ausgewischt wie ein mißglückter Versuch. Und nur zuweilen fand ich etwas Linderung in dem Gedanken, daß mein Vater die schwere Pflicht habe, uns zu trösten mit dem Trost der Religion, uns alle vorzubereiten, so daß uns doch eine bessere Welt offenstünde, wenn wir auch alles in dieser verlieren sollten und wenn uns sogar die Strafe treffen sollte, die die Juden immer auf ihre Feinde herabflehten: daß unser Gedächtnis ausgetilgt sein sollte auf Erden und unser Name ausgelöscht!"

Mit diesen Worten schildert Kierkegaard das überwältigende Erlebnis, das in seinem 22. Lebensjahr die Zeit seiner Kindheit beendete oder wenigstens die Periode, die mit seiner Kindheit noch bruchlos zusammenhing – in dem Sinne nämlich, daß er bisher seinem Vater immer herzlich gern gehorsam gewesen war und niemals daran gedacht hatte, mit jugendlichem Unabhängigkeitsdrang nach neuen Pfaden zu suchen oder eigene Lebenspläne zu entwerfen, die seinen persönlichen Neigungen und Interessen entsprachen. – Aber was war dies "Erdbeben"?

An seinem Geburtstag, am 5. Mai 1843, oder in jenen Tagen machte Kierkegaard die folgende Aufzeichnung in seinem Tagebuch: "Nach meinem Tode soll niemand in meinen Papieren (das ist mein Trost) eine einzige Erklärung finden über das, was mein Leben eigentlich ausgefüllt hat, die Geheimschrift in meinem Innersten, die alles erklärt und die oft, was die Welt Bagatellen nennt, zu ungeheuer wichtigen Begebenheiten für mich macht, die auch ich für unbedeutend ansähe ohne die geheime Anmerkung, die sie erklärt." Aber hat er nicht sein Geheimnis in dem Abschnitt, der oben zitiert worden ist, unter alles Volk verbreitet? In gewissem Sinne ja – aber ohne es zu enthüllen. Er sagt, daß ein Mörder einen beständigen Drang fühle, sein Geheimnis zu erzählen, und so geht es auch ihm. Aber seine Phantasie gab ihm dabei die Mittel, seine Geheimnisse wieder und wieder so zu erzählen, daß niemand sie aufdecken konnte.

Im August desselben Jahres schrieb er: "Ich könnte vielleicht die Tragödie meiner Kindheit darstellen, die entsetzliche geheime Erklärung des Religiösen, die ein furchterregendes Vorgefühl mir andeutete, die meine Phantasie dann herausmeißeite; mein Ärgernis am Religiösen – ich könnte es darstellen in einem Roman ‚Die rätselhafte Familie", Er müßte ganz im Ton einer patriarchalischen Idylle anfangen, so daß niemand die Tragödie vermuten würde, bevor diese Worte ausgeschellt werden und alles in Zerstörung verwandeln würden."

Ach, wenn er doch diese Geschichte erzählt hätte! Seine Biographen müßten dann nicht solche Wege gehen. Wir erfahren kaum mehr, als daß das Geheimnis seines Vaters Schuld betraf und deshalb nicht gebrochen werden durfte. Es gibt einen unzweideutigen Hinweis darauf. Im Februar 1846 schrieb Kierkegaard die folgende kurze Notiz in sein Tagebuch: "Der schreckliche Fall eines Mannes, der, als er noch ein kleiner Junge war, viel Not leiden mußte, der hungrig war, gelähmt von Kälte und nun auf einem Felsen, stand und Gott verfluchte – der Mann konnte das nicht vergessen, auch nicht, als er 82 Jahre alt war."