III. Die guten und die besten Familien – Die Erfindung vom "British way of life"

Von Rudolf Walter Leonhardt

Welche Faktoren bestimmen die gesellschaftliche Stellung des Engländers? Erziehung, Beruf und Geld wurden im bisher erschienenen Teil dieser unserer kleinen Englandkunde betrachtet. Heute ist es: die Familie. Wer ist ein Aristokrat? Was ist die gesellschaftliche Stellung des Ausländers?

Ein oft gehörtes Argument lautet: Geld und finanzieller Aufwand, Luxusautos und Prachtgarderobe spielen in der englischen Gesellschaft kaum eine Rolle – also gibt es keine Klassenunterschiede in England. Richtig ist es gerade umgekehrt: Da die Klassenunterschiede in England so festliegen, spielen finanzielle Faktoren für die soziale Einstufung eine untergeordnete Rolle.

Ein amerikanischer Soziologe kam zu der folgenden, aufschlußreichen Gegenüberstellung: "In einer wirklich klassenbewußten und klassenbeherrschten Gesellschaft (wie in England) sind Klassenunterschiede allgemein anerkannt, wenn auch nicht ohne Ressentiment akzeptiert. In Amerika müssen sie betont werden, sonst vergißt man sie womöglich; und neue müssen erfunden werden, wenn die alten nicht mehr ausreichen. Es gibt eigentlich gar keine allgemein anerkannten Klassenunterschiede in Amerika, außer den simplen ökonomischen Trennungslinien, die durch einen entsprechenden Aufwand deutlich sichtbar markiert werden müssen."

Hier wäre ein geeigneter Ansatzpunkt für den Versuch, zu erklären, warum eine sozialistische Partei in England etwas so anderes ist als eine sozialistische Partei auf dem europäischen Kontinent. Man stieße dabei auf einen Sachverhalt, der vereinfacht auf diese Formel gebracht werden könnte: Die Labour Partei kann keine wirklich marxistisch fundierte Partei sein, da so viele Grundbegriffe des Marxismus dem englischen Gesellschaftsleben fremd sind.

Falls "klassenlos" heißt, daß der Lebensstandard aller Angehörigen der Gesellschaft etwa auf der gleichen Höhe liegt, dann ist im britischen Wohlfahrtsstaat ein solcher Zustand wahrscheinlich so weitgehend erreicht worden, wie er ohne despotische Zwangsmaßnahmen überhaupt nur erreicht werden kann. Darin liegt das historische Verdienst der Labour Party, das ihr auch ihre politischen Gegner nicht absprechen: In keiner englischen Familie wird heute ein Existenzminimum unterschritten. Slums gibt es zwar noch, vor allem in den großen Industriestädten; aber die Familien, die dort leben, leben nicht im Elend. Man kann auch zerlumpte Männer sehen, die in kaum verhüllter Form betteln, und Frauen undefinierbaren Alters, die auf Parkbänken übernachten. Und wenn die Beobachtung bei bürgerlichen Intellektuellen mit einem sozialen Gewissen auch häufig Zorn und Entrüstung herausfordert – sie bleibt trotzdem wahr, wie jeder, der einmal etwas mit Sozialfürsorge zu tun gehabt hat, bestätigen kann: Es gibt Leute, die gern auf Bänken übernachten, die nur in Slums wohnen können, die sich in Lumpen am wohlsten fühlen oder die doch wenigstens all das den Alternativen – sich irgendwo fest niederzulassen, zu arbeiten, Ordnung und Sauberkeit zu schätzen, Geld für Kleider auszugeben – offensichtlich und manchmal ganz bewußt verziehen. Vielleicht sind solche Leute in England besonders zahlreich. Wenn ich an die Spaziergänge; denke, die man an kühlen Herbsttagen ohne Mantel auf den Wiesen herumliegen sieht, oder an die Kleider, mit denen mein Freund Christopher in den besten Hotels aufzutreten pflegte, oder an das Tohuwabohu im Hause eines Bekannten, der ein Monatseinkommen von 4000 Mark hat, dann erscheint mir das durchaus wahrscheinlich: solche Leute sind in England besonders zahlreich. Oft sind es sehr sympathische Leute.