Auf der Flugroute Lydda–Rom gerät eine Verkehrsmaschine in ein Unwetter, kommt vom Kurs ab, fängt Feuer und muß in einer unwirtlichen, gottverlassenen Einöde niedergehen. Die Piloten wähnen, auf griechischem Boden notgelandet zu sein. Gemeinsam mit den vier Passagieren setzt sich die Besatzung des brennenden Flugzeugs in Marsch, man hält Ausschau nach einem bewohnten Ort – lange vergeblich. Es ist eine Gegend ohne Schatten, der Himmel leer von Gestirnen. Endlich taucht ein trostloses Nest von in dem es ein einziges Hotel gibt, so schäbig auf, verkommen wie seine Umgebung. Dort übernachtet die Gruppe notgedrungen.

An eine Weiterreise ist vorerst nicht zu denken. Der Portier hält seine Gäste durch rätsel hatte Drohungen fest. Zudem herrscht Krieg im Lande, das Militär hat die Straßen abgeriegelt, mit dem Anrücken des Feindes wird täglich gerechnet. Eine verhexte, eine hoffnungslose Situation. Das Warten peinigt, zermürbt – entlarvt. Man deckt voreinander die Karten auf, provoziert Geständnisse. Der impotente Waffenhändler gibt zu, nicht lieben zu können, ein Dichter namens Brémont, in Indochina als Reporter gescheitert, macht kein Hehl aus seiner feigen Verzweiflung, die Stewardeß entpuppt sich als Masochistin, der italienische Funker ist Erotomane und der Co-Pilot ein unbelehrbarer Nazi. Als diese sonderbaren Figuren erfahren, daß sie das Höllenhotel verlassen dürfen, wenn sie die "Rechnung" mit ihrer lädierten Seele begleichen, zahlen sie bedenkenlos. Nur der Flugzeugführer und die junge Frau des Waffenschiebers beschließen, standhaft auszuharren in der Unterwelt, die unseren von Krieg und Terror heimgesuchten Kontinent bedeutet. Komme, was kommen mag. Sie lieben sich. Seinen Roman nennt der Däne:

Hans Jörgen Lembourn "Hotel Styx" (Karl Rauch Verlag, Düsseldorf, 220 S., 11,80 DM).

Dieses Buch ist genau so gut oder schlecht wie sein Inhalt. Das erste Drittel – Aufstieg, Flug und Unfall – hat Qualität; da wird mit technischen Kenntnissen erzählt, mit jener sachlichen Sauberkeit, die von Hemingway stammt. Danach aber bläht sich die zeitgemäße Fabel zu einer trivialen Parabel auf. Lembourn erstattet nicht mehr Bericht, sondern verkündet die Postulate einer populären Existenz-Philosophie. Ebensowenig wie diese zusammengewürfelten Ehrgeizlinge, Schwächlinge und Pervertierten Europas schlechtes Gewissen personifizieren, verkörpert das standhafte Paar unsere Stärke, unsere Liebe. Lembourns Götter sind Kafka und Sartre, Es ist für einen jungen Autor heutzutage wohl nicht ganz einfach, zwischen Scylla und Charybdis der zeitgenössischen Vorbilder heil hindurchzusteuern. Wer aber auf dem eigenen Ithaka landen will, muß sie hinter sich lassen. Heinz Piontek