Von Wolfgang Ebert

Ich war nicht immer Neo-Primitivist. Es gab eine Zeit in meinem Leben – ich schäme mich ihrer heute –, da hörte ich gelegentlich Radio, ging ins Kino, las bei elektrischem Licht, wusch mir die Hände unter der Wasserleitung und hatte grundsätzlich nichts gegen Kühlschränke, auch wenn ich selbst keinen besaß.

Ach, wie weit liegt das alles hinter mir! Ich weiß nicht mehr genau, wie es dazu kam, aber eines Abends – ich hatte mir gerade eine Zigarette mit einem Feuerzeug angezündet – merkte ich plötzlich, daß ich sehr unglücklich war. Ich wußte auch genau, woran ich litt: an der Zivilisation. Ihr den Rücken zu kehren, beschloß ich auf der Stelle. Fortan wollte ich nur noch ganz primitiv leben, und da kam für mich nur eine abgelegene Mittelmeerinsel in Frage. Unter der Hand und im Reisebüro erkundigte ich mich nach den gerade gängigsten primitiven Inseln; doch wurde mir die Wahl recht schwer gemacht, denn irgendeinen Haken hatten sie alle: auf der einen war Autoverkehr möglich, wenn auch schwierig; auf der anderen gab es einen Badestrand (mit Strandkörben!); auf einer dritten war man gar dabei, ein Kino zu bauen, obgleich Reisebüros, die sich vorwiegend mit primitiven Inseln befassen, alles getan hatten, um diese Katastrophe zu verhindern.

Schließlich entschied ich mich für eine Insel, die keinen Hafen besaß und nur schwimmend erreicht werden konnte. Weil man sich nach soviel Zivilisation an ein primitives Leben erst gewöhnen muß, wohnte ich in den ersten Tagen in der einzigen Pension der Insel, die mir als ausreichend verfallen geschildert worden war und sich brieflich durch: Garantiert ohne jeden Komfort! Steiniger Badestrand oder gar keiner – je nach Wahl, kein elektrisches Licht, kein fließendes Wasser, warm empfohlen hatte.

Was das nichtfließende Wasser angeht, so hatte man allerdings wieder mal leicht übertrieben, denn, wenn auch aus einer Zisterne gespeist, floß das Wasser doch aus Leitungshähnen. Das war mir sehr zuwider, und ich bemühte mich mit Erfolg, eine der begehrten Felsenhöhlen zu mieten, und zog in jene, die vorher ein englischer Mary-Wigman-Schüler mit einer indianischen Keramikerin bewohnt hatte.

Jetzt war ich endlich restlos glücklich. Ich lebte von selbstgeangelten Fischen, legte mir eigene Weinstöcke an, zimmerte meine Möbel selbst und traf mich am Abend mit den anderen angeschwommenen Neo-Primitivisten auf der Piazza, in einer Kleidung, in der wir uns in der Zivilisation nur im Fasching zeigen durften.

Daß es keinen Stuhl oder Tisch gab, der nicht wackelte, keinen Schrank, der nicht ständig offen stand, keinen Teller Suppe, in dem nicht die seltsamsten Insekten umherschwammen, erfüllte uns mit großer Befriedigung. An der herrlichen, von jeder Kultur unberührten naiven Unbekümmertheit der Ureinwohner labten wir unsere Seele, dem unbeschreiblichen Lärm dieser Menschen lauschten wir andächtig, und selbst an ihrer Art, uns übers Ohr zu hauen, hatten wir unsere Freude, denn sie taten es mit soviel Grazie.