Eine Weihnachtserzählung von Lutz Besch

Etwas Einfaches einfach zu sagen, kann schwerer sein, als etwas Kompliziertes unkompliziert auszudrücken. Das zeigt jedes Jahr erneut die Flut der Weihnachtserzählungen auf dem Büchermarkt. Man kann diese Literaturgattung nach ihren extremen Beispielen einteilen in solche Bände, die gemeinhin an Kirchtüren angeboten werden und solche, die dem Vergleich mit dichterischen Vorbildern, wie etwa Dickens "Christmas Carol", standhalten. Jüngst erschien die Weihnachtsgeschichte eines jungen Autors, die nun durchaus eine ernsthafte Auseinandersetzung verdient hat. Dies Bändchen beweist, über welches hohe Können ein moderner Schriftsteller verfügen muß, der auf alles "Literaturfett" verzichten will. Es ist von

Lutz Besch: "Immer nach Hause". Marion von Schröder Verlag, Hamburg, 132 S., 7,50 DM.

Die Erzählung, die in einer schwedischen Kleinstadt spielt, besteht aus vier Teilen. Da ist als erstes eine Schulszene, in der die Frage nach dem Ursprung der Erde gestellt wird, die ein Bub mit "Der Weihnachtsmann war es!" beantwortet. Dieser Junge versöhnt nun im zweiten Abschnitt durch seinen Glauben an St. Nikolaus zwei im Streit liegende Väter. Der dritte Teil bringt die Bekehrung eines habgierigen Krämers durch ein Gesangbuch, das ihm seine Mutter schenkt; der letzte das fromme Sterben eines Bettlers, der im Leben an Gott verzweifelt war. Wenn man an das Bändchen einen strengen Maßstab legt – und man muß es, denn es wurde talentiert und mit viel gutem Willen geschrieben –, dann stößt man auf einige formale Schwächen. Zuerst empfindet man als nachteilig den Mangeleiner fortlaufenden Handlung und die – mit Ausnahme der beiden ersten – sehr lose Verknüpfung der einzelnen Teile. Die Simplizität eines Stoffe verlangt auch eine simple Disposition, Außerdem erweist sich die wie eine Rahmenhandlung aufgebaute erste Szene nicht als Schlüssel zur Geschichte, und der letzte Teil, der doch seiner Thematik nach den anderen gleichwertig ist, nimmt fast die Hälftedes Buches ein. Der Satzstil entspricht der schlichten Handlung, aber manchmal merkt man die Mühe, die Besch damit hatte. Kein kleiner Bengel, der weint, ist sich seiner "Tränenbächlein bewußt".

Doch was Besch stilistisch an dieser Weihnachtsgeschichte noch fehlt, das macht er wett durch eine Milieuzeichnung, die manchmal sogar lagerlöfschen Zauber besitzt. Es gelingt ihm, dem uralten Vorwurf eine gewisse Originalität abzugewinnen, und das ist vielleicht sein größtes Plus. Zum besonderen Reiz des Buches tragen die holzschnittartigen Illustrationen von Klaus Bertelsmann bei, die von verhaltener Herzhaftigkeit sind und damit den Ton der Erzählung vollkommen treffen.

Günther Specovius