o. f., Burg a. F.

Schwarze Fahnen wehen auf den Straßen und an den Häusern der Dörfer Fehmarns. Fahnen, die einer alten Ostseetradition zufolge Aufruhr bedeuten. Und die aufrührerische Stimmung der Fehmarner machen sich sogleich Dänischgesinnte auf der Insel zunutze, in deren Namen die Kopenhagener Zeitung Dagens Nyheder schreibt: "Die deutsche Ostseeinsel Fehmarn hat sich gegen die Bundesrepublik empört... Die Insel wird sich unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht vielleicht zu einem selbständigen Freistaat erklären – und sich unter den Schutz der dänischen Krone stellen."

So ist es natürlich nicht. Aber die Verbitterung der Fehmarner ist echt, und Anlaß des Ärgernisses ist die Bundesbahn, die Gebührenerhöhungen für die Benutzung ihrer Fähre am Fehmarnsund, zwischen dem Festland und der Insel, für den ersten Januar 1956 angekündigt hat.

Eine Fährgerechtsame – ein Vertrag aus dem Jahre 1902, ausgehandelt zwischen dem Vertreter des königlichen Regierungspräsidenten und der damaligen Kreis-Oldenburger-Eisenbahn – bestimmt: "Der Kreis-Oldenburger-Eisenbahn werden die Fähranstalten und Fähren kostenlos zur Verfügung gestellt. Sie erhält zusätzlich 100 000 Goldmark Abfindung mit der Verpflichtung, den Verkehrsanforderungen jederzeit gerecht zu werden." Diese Abmachungen hat auch für die Bundesbahn, als Nachfolgerin der Oldenburger Eisenbahn, Gültigkeit.

Schon einmal, 1951, genehmigte das Verkehrsministerium von Schleswig-Holstein eine Erhöhung der Fahrpreise. Die neue Erhöhung hat die Bundesbahn selbstherrlich verfügt.

Mit Recht wenden sich die über 20 000 Einwohner der Insel Fehmarn gegen jede Preisbewegung nach oben: Nach dem Index der Seeverkehrsfrachten müßte die Bahn ihre Fahrgäste für den neuen Fährtarif 30, ja, nach ihren neuesten Forderungen sogar 100 Kilometer befördern, während die Strecke in Wirklichkeit nur 1,2 Kilometer lang ist. Diese Überlegung empörte die sonst so schwerfälligen Holsteiner auf der Insel. Vor wenigen Tagen drängten sich Hunderte von Fahrzeugen aller Art, vom Eselskarren bis zum Traktor, auf den dürftigen Straßen der Insel, um die Zufahrt zur Fährenrampe zu verstopfen. Die Folge dieses Boykotts war, daß die Fähre stundenlang über den Fehmarnsund fuhr – ohne einen Fahrgast.

"Das war nur der Anfang", erklärte ein Fehmarner. "Sollte sich herausstellen, daß trotz allem weitere Erhöhungen vorgenommen werden, ist mit einschneidenderen Protestaktionen zu rechnen." Die Dagens Nyheder spekuliert: "Vielleicht wird man Dänemark bald offiziell darum ersuchen, den Schutz des Freistaates Fehmarn zu übernehmen!" – "Soweit kommt es nie", sagte der Fehmarner. Aber die schwarzen Wimpel bleiben gehißt.